Aus Verzweiflung fröhlich

Aus Verzweiflung fröhlich

Foto: BR/Markus Dlouhy

Nochmals Mahler mit Jansons in München: Die Siebte in der Philharmonie im Gasteig
(8. März 2007) Weder über einen Mangel an Jansons noch über einen Mangel an Mahler kann sich das Münchner Publikum derzeit beklagen. Der Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks – im Hauptberuf Kosmopolit – hat nun ein gutes Stück Zeit in seiner künstlerischen Zweitheimat verbracht und sich dabei nicht geschont. Gleich zwei Abonnementskonzerte mit seinem Orchester, dazu ein halbes Wochenende „Tag der offenen Tür“ mit Proben und Konzerten. Das ist schon Einsatz für München. Und Einsatz für Mahler. Stand in der vorigen Woche – im Herkulessaal – die erste Sinfonie des einstigen Wahlwieners auf dem Programm, so wurde diese Woche – in der Philharmonie im Gasteig – mit der Siebten von Mahler beschlossen. Ein Kraftakt, ja, aber auch ein sinnvoller, weil schon alle Sinne geschärft, alle Muskeln justiert waren für den spezifischen leidenschaftlichen Tonfall dieses rastlosen Berufsdirigenten und genialen Hobbykomponisten. Gilt Mahlers Erste als seine verträglichste, so schleppt die Siebte den Ruf mit, am meisten Unklarheit im Hörer zu hinterlassen. Aus einem überraschenden Grund: Sie sei, so meinen viele illustre Kritiker, zu fröhlich für Mahler.
 
Aber Mahler sparte ja auch in dieser Sinfonie, die er einmal als seine „beste“ bezeichnete, nicht mit Abgrund und Pessimismus. Der erste Satz ist ein einziges Säbelrasseln, der Widerhall von Marschmusik und Militärparaden. Da hört man geradezu mit Mahler mit, wie ihm dieses Getöse seiner Zeit in den Ohren sauste. Aus den Nachtmusiken, dem zweiten und dem dritten Satz der Sinfonie, klingt die nicht enden wollende Sehnsucht nach Ruhe, auch Idylle durch, während man im fünften, diesem so ostentativ lärmend „optimistischen“ Satz ein ganz spezifisch österreichisches Phänomen erkennen kann: eine geradezu verzweifelte Unbekümmertheit am Rand des Abgrunds. Dieser Satz hält im Grunde keiner analytischen Methode statt, er entzieht sich der Rationalität, so, wie man sich in Österreich auch immer wieder gerne der Rationalität entzieht. Man darf nicht vergessen, dass zu Mahlers geistig-künstlerischer Umgebung auch die „Goldene“ Ära der Operette und der Strauß-Walzer gehörte. Da hatte die Verdrängung der beängstigenden, sich rüstenden und industrialisierenden Realität Methode.
Jansons und das Orchester gaben den Zuhörern in der Philharmonie im Münchner Gasteig alle Mittel ans Ohr, um sich an der Vielfalt dieser groß angelegten und doch kompakten Sinfonie satt hören zu können und doch auch einen vergnüglichen Abend damit zu haben. Jansons‘ Methode lautet auch hier: vom Einzelnen zum Ganzen. So detailreich, so exakt ausgeleuchtet bekommt man Mahlers Sinfonien selten zu hören. Wo andere Dirigenten so gerne zum großen Pinsel greifen, um ein Weltgemälde zu entwerfen, da nimmt der an Schostakowitsch, Brahms und Dvorák geschulte Jansons erst mal den feinen Pinsel und schaut mehr nach innen. Die an dieser Sinfonie bemängelte „Komplexität“ wird unter Jansons zum Erlebnis, zum eigentlich interessanten.
Damit tut er Mahler, einem Musikkenner von Gnaden, die höchste Ehre: Jansons legt all die Reflexion frei, die Mahler investiert hat. Das Störende, die Sehnsucht, aber auch dieses „egal“, mit dem der letzte Satz erst einmal alles Sorgen dahin zu fegen scheint. Keinesfalls beiläufig, jedoch: Wenn Jansons das Orchester metallisch genau klingen lässt, ohne Rundungen im Ton, ohne Gold im Klang, dann hört man gerade im so zügellos überschwänglichen fünften Satz wieder das Getöse heraus. Das Getöse, mit dem das kaisertrunkene Österreich in den letzten Zügen seiner Größe versuchte, das Grollen der Weltgeschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu übertönen. Ein Tanz, auf einem Vulkan, der sehr bald ausbrechen sollte.
Laszlo Molnar

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