Aufnahmesitzung von Goulds Goldberg-Variationen

Die Gouldberg-Variationen

Sony präsentiert die vollständigen Aufnahmesitzungen von Glenn Goulds legendärer Einspielung von Bachs Goldberg-Variationen im Jahr 1955 – ein Schatz auf fünf CDs plus opulenter Buch-Dokumentation mit vielen Fotos und einer LP

Von Klaus Kalchschmid

(3. Januar 2017) Wer glaubt, die legendäre erste Aufnahme der Goldberg-Variationen des gerade mal 22-jährigen Glenn Gould vom Juni 1955 genau zu kennen, irrt! Denn hört man die auf 5 CDs erstmals veröffentlichten vollständigen Aufnahmesitzungen an, wird man mit zunehmender Faszination Zeuge der Entstehung dieser Einspielung, die seit ihrer Veröffentlichung nie aus dem Katalog der Columbia, später CBS und heute Sony verschwunden ist und schon früh den Stempel „Gouldberg-Variationen“ erhielt. Weder die erst vor wenigen Jahren wieder entdeckte, erheblich abweichende Aufnahme von 1954, der Salzburger Livemitschnitt von 1959 oder die zweite Studio-Einspielung von 1980 konnten an der Singularität dieser Aufnahme etwas ändern.

Kein Takt während der zusammen wohl netto sechs Stunden (wenn geredet wird, wurde das Band oft gestoppt) mit knapp 300 Takes in Aufnahmesitzungen an nur vier Tagen, leidet unter zu wenig Spannung oder Konzentrationsmangel. Denn Glenn Gould geht immer aufs Ganze, nicht zuletzt im Tempo. Manchmal reicht ein einziger Take, manchmal sind es bis zu 18 (Variation Nr. 12), die Gould hintereinander – oder am Ende der Aufnahmesitzungen als zusätzliche Takes aufnimmt. Je länger und konzentrierter man zuhört, desto häufiger und genauer hört man die (feinen) Unterschiede in Tempo, Artikulation, Lautstärke und Ausdruck. Und kann nachvollziehen, welcher Take am Ende Eingang in das Masterband der „Aria mit 30 Veränderungen“ Eingang fand und hier jeweils rot markiert ist.

Man kann das Procedere genau nachverfolgen, weil auf der linken Seite des dicken Buchs in LP-Format (mit vielen großformatigen und teils unveröffentlichten Fotos) die Noten abgedruckt sind und rechts die Transkriptionen der (englischen) Kommentare von Pianist und Aufnahmeleiter samt deutscher und französischer Übersetzung pro Track/Take. Wenn mal ein Pralltriller oder Terz-Parallelen einfach nicht richtig funktionieren wollen, wird Gould schon mal ärgerlich und grummelt „Rat“ (also etwa „Mist“ für das wörtliche „Ratte“)! Denn auch ein Glenn Gould macht immer mal wieder einen kleinen Fehler und verhunzt so den schönsten Track. Weil nach Möglichkeit komplette Aufnahmen einzelner Variationen ohne Schnitt Eingang in die fertige Aufnahme finden sollten (nur Nr. 5, 7, 12, 16, 17 und 23 machen eine Ausnahme – und auch da gibt es nur zwischen den beiden Teilen einer Variation Schnitte), werden manch‘ großartige Takes, die bis auf eine kleine Flüchtigkeit perfekt sind, zu Outtakes. Umso spannender und erhellender ist es, das jetzt im Detail hörend nachvollziehen zu können.

Um auch das Ergebnis in seiner ganzen Schönheit hören zu können, sind sowohl eine CD wie eine LP beigegeben – und eine knapp einstündige Scheibe „Glenn Gould discusses his performances of the ‚Goldberg Variations‘ with Tim Page“ vom Januar 1982 .  Sogar die Marketing Kampagne, mit der das Produkt seinerzeit beworben wurde und das Image Goulds als eines eigenwillig schillernden Popstars der Klassik in den Fokus stellte, wird minutiös dokumentiert. Da liest man etwa bereits in der Pressemeldung vom 25. Juni 1955, welche Marotten Gould bei den Aufnahmesitzungen pflegte: vom Baden der Hände in heißem Wasser („Einweich-Sitzungen“) über die tropischen Temperaturen im Studio bis zum niedrigen „Bridge-Stuhl“ oder seinen Pfeilwurz-Keksen, die er mit Buttermilch einnahm.

Dazu kommen eine Analyse des Bach‘schen Variationen-Zyklus‘ und eine Dokumentation der Aufführungsgeschichte vor Gould des bedeutendsten deutschsprachigen Gould-Forschers Michael Stegemann. Aus ihr erfährt man etwa, dass der allererste Spieler nach Bachs Tod Franz Liszt war, 1928 der 26-jährige Rudolf Serkin als erster den Zyklus auf drei Welte-Mignon-Klavierwalzen einspielte (heute auf CD verfügbar) und unmittelbar vor Gould drei maßstabsetzende Einspielungen auf Cembalo entstanden: 1952 von Ralph Kirkpatrick, 1953 mit Gustav Leonhardt und 1954 durch Isolde Ahlgrimm.

Bereits 1947 war Rosalyn Turecks Aufnahme auf einem modernen Konzertflügel entstanden, die Gould erklärtermaßen beeinflusst hat. 1957 (und dann nochmals 1988 und 1998) nahm sie die Goldberg-Variationen erneut auf, wohl auch weil sie noch 1985 verbittert – und wohl zu Unrecht – feststellte: „…Ich höre mich selbst spielen … aber bei allem Respekt glaube ich nicht, dass er (Gould) sich tief genug in meine Kunst eingefühlt und sie verstanden hat. Die Unmenge an Dingen, in denen er mich nachgeahmt hat, beschränkt sich letztlich auf das, was er hörte.“ Schade, dass ihre erste Aufnahme – im Gegensatz zu den späteren – heute nirgendwo mehr erhältlich ist, um dies überprüfen zu können.

Michael Stegemann hat 2004 auch den 2012 verstorbenen Aufnahmeleiter Howard Scott interviewt, der sich ausdrücklich gegen eine Veröffentlichung der Aufnahmesitzungen aussprach. Gleichwohl können wir uns heute glücklich schätzen, dass entgegen späterer Praxis, alles Arbeitsmaterial zu vernichten, dieser Schatz über 60 Jahre erhalten blieb. Denn er wurde exzellent gelagert und offensichtlich zwei Generationen lang von den jeweiligen Verantwortlichen für erhaltenswert erachtet.

Werbung



0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.