Asien-Tournee Bamberger Symphoniker

Kompromisslos freundlich

Auftritt im japanischen Miyazaki Foto: Bamberger Symphoniker

Mit zwei Beethoven-Symphonien, Bruckners Siebter und Schuberts Unvollendeter ist der 89-jährige Herbert Blomstedt mit den Bamberger Symphonikern noch bis zum 7. November auf großer Korea- und Japanreise. Stationen sind Seoul, Fukuoka, Miyazaki, Nagoya, Tokio und Kyoto.

Von Robert Jungwirth
(Ende Oktober/Anfang November 2016) Es fällt nicht leicht, in sich die "heiteren Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande“ aufkommen zu lassen, wie sie Beethoven zu Beginn seiner sechsten Symphonie musikalisiert hat, wenn man gerade einem der gigantischen Rushhour-Staus in Südkoreas Hauptstadt Seoul entkommen ist. Der Bus, der die Musiker der Bamberger Symphoniker vom Hotel zum Konzertsaal bringt, braucht für die wenige Kilometer lange Strecke mehr als eine Stunde. Statt murmelnder Bäche und Vogelgezwitscher wie in Beethovens Symphonie also dröhnende Verkehrsströme auf achtspurigen Straßen einer 10-Millionen-Metropole.
Herbert Blomstedt ficht so etwas nicht an. Er wirkt beim Betreten des Saals allen Widerständen zum Trotz so gelöst und heiter, als käme er tatsächlich gerade von einem Waldspaziergang. Und seine positive Stimmung überträgt sich auf die Musiker, wie bei jedem Konzert auf dieser Korea- und Japan-Tournee der Bamberger Symphoniker. Man kann fast nicht anders als heitere Gefühle zu empfinden, wenn man ihn sieht. Ob als Musiker oder als Zuhörer im Publikum. In Seoul, wo das Orchester zum ersten Mal gastiert, erntet Blomstedt schon beim Betreten des Podiums als er ins Publikum lächelt, begeisterte Jubelrufe. Nach Beethovens Fünfter im zweiten Teil und der zugegebenen Egmont-Ouvertüre natürlich noch umso mehr.
Der 89-Jährige Amerikaner schwedischer Abstammung ist ein Phänomen. Seine Agilität und Energiegeladenheit, die akkuraten Zeichensetzungen seiner Hände beim Dirigieren wirken geradezu elektrisierend auf die Musiker. Seine hellwachen Augen signalisieren höchste Konzentration auf jeden Ton, jede Phrase, jede dynamische Abstufung.
Selbst nach den ersten Konzerten des aus insgesamt sechs Werken bestehenden Programms der zweiwöchigen Korea- und Japan-Tournee (mit Beethovens Fünfter und Sechster, dem Violinkonzert und der Egmont-Ouvertüre neben Schuberts Unvollendeter und Bruckners Siebter) in Seoul, Miyazaki, und Fukuoka nutzt Blomstedt die vor jedem Auftritt angesetzten Anspielproben, die eigentlich dazu dienen, die Musiker auf den neuen Saal einzustellen und sich ein wenig einzuspielen, zum weiteren Feilen an Details. Doch bei aller kompromisslosen Genauigkeit, mit der er seine Vorstellungen einfordert, wirkt Blomstedt den Musikern gegenüber stets freundlich, verbindlich, meist mit einem Lächeln auf den Lippen. In den Pausen und wenn er nach dem Konzert die Bühne verlässt steht er meist noch lange neben dem Bühneneingang und spricht mit Gratulanten, Freunden oder Mitgliedern der Administration der Säle und Veranstalter bevor er endlich in seine Garderobe geht. Und beim Verlassen der Gebäude warten meist jede Menge Autogrammjäger, vor allem in Tokio.
Manche Musiker der Bamberger Symphoniker, die zum Teil schon seit Jahrzehnten mit dem Ehrendirigenten des Orchesters zusammenarbeiten, bescheinigen ihm eine in den vergangenen Jahren noch gewachsene Souveränität und Umsichtigkeit. Und tatsächlich besitzen Blomstedts Interpretationen auf dieser Tournee eine Überzeugungskraft und Klarheit in der Diktion ohne alle vordergründige Nachdrücklichkeit oder Angestrengtheit wie sie vermutlich nur Dirigenten erreichen, die über so viel Erfahrung verfügen wie eben Herbert Blomstedt. Aus der Gelöstheit des Beginns in Beethovens Sechster mit seiner kammermusikalischen Naturidyllik –  wunderbar leicht und duftig gespielt von den Holzbläsern der Bamberger – entspinnt sich schließlich in der Gewitterszene ein wahrhafter Furor der Elemente. Blomstedt lässt generell bei Beethoven sehr straff musizieren, die Streicher mit wenig vibrato. Selbst die elegischen Passagen des zweiten Satzes der „Pastorale“ nimmt er zügig, nichts wird breitgewalzt.
Gänzlich befreit vom Pathos früherer Jahrzehnte klingt bei ihm und den Bambergern denn auch Beethovens Fünfte. So knallig akzentuiert wie Blomstedt den Beginn dirigiert, sobald er das Podest mit kurzer schwungvoller Bewegung erklommen hat, gewinnt man den Eindruck, er möchte die Zuhörer überraschen mit diesem wohl berühmtesten Symphoniebeginn der Musikgeschichte. Frisch und unverbraucht soll klingen, was schon so oft erklungen und vermeintlich so bekannt ist. Beinahe zornig hört sich bei Blomstedt dieser Beginn und der gesamte Kopfsatz an. Er rauscht an einem vorbei wie ein kurzes heftiges Gewitter. Und genau das ist es sicher auch was Beethoven wollte, nicht das "Verweile doch, du bist so schön", sondern vielmehr eine staccatohafte Proklamation der menschlichen Individualität und des Rechts auf Selbstentfaltung eines jeden Erdenbürgers. Gewissermaßen ist diese Symphonie Beethovens Thesenanschlag, die Forderung nach der Befreiung des Menschen aus seiner (von wem auch immer verschuldeten) Unmündigkeit. Und der zornigen Forderung des Beginns folgt die Erfüllung dieser Freiheitsutopie im Sieges- und Freudentaumel des Schlusssatzes, den Blomstedt so grandios sich steigernd dirigiert, dass es einen beinahe vom Sitz reißt. Getanzt hat im Seoul Arts Center zwar niemand, aber der enorme Schlussjubel zeigte, dass auch die koreanischen Zuhörer aus dem Häuschen waren.
Mit der Aufführung dieses Werks in Tokios berühmter Suntory Hall – die wegen ihrer überragenden Akustik auch in Europa sehr geschätzt wird – erreichte die zweiwöchige Korea- und Japan-Tournee der Bamberger Symphoniker nach Stationen in Fukuoka und Miyazaki im Süden Japans, Nagoya und schließlich Tokio ihren Höhepunkt.
Neben den beiden Beethoven-Symphonien standen mit Schuberts Unvollendeter und Bruckners Siebter noch zwei Schwergewichte des 19. Jh. auf dem Tourneeprogramm. In Schuberts geheimnisvoller h-Moll-Symphonie mit ihren "schwarzen Löchern", in die man beim Hören regelrecht hineinfällt, setzt Blomstedt ganz auf das klangliche Potential des Orchesters mit seinem runden Streichersound, der hier aber natürlich bei weitem noch nicht so flächig klang wie dann bei Bruckner. Auch bei Schubert ging Blomstedt eher zügig zu Werke, schön ausbalanciert in den Streichern und Bläsern. Bruckners Siebte schließlich beeindruckte durch viele glänzend herausgearbeitete Details, spannungsvolle Steigerungen und dramatische Akzente – die dramaturgische Linie und Stringenz indes blieben manchmal etwas verdeckt. Das aber heißt gewiss mäkeln auf hohem Niveau.
Nicht ganz auf diesem Niveau zeigte sich allerdings die in Japan recht bekannte Geigerin Akiko Suwanai in Beethovens Violinkonzert, das alternierend zur Sechsten im Beethoven-Programm zu hören war. Suwanais klarer Ton konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr die Phrasierungen mitunter etwas diffus gelangen.
Insgesamt war diese Asien-Tournee der hochmotivierten Bamberger Symphoniker mit ihrem vitalen Ehrendirigenten Herbert Blomstedt ein großer Erfolg – zumeist ausverkaufte Säle und ein enorm konzentriertes und begeisterungsfähiges Publikum ließen daran nicht die geringsten Zweifel aufkommen.
Zufall sei die Klassikbegeisterung in Japan übrigens nicht, erzählt Herbert Blomstedt im Gespräch, sondern auch das Ergebnis des hohen Engagements des staatlichen Rundfunks NHK für die klassische westeuropäische Musik. Die jährlich über 40 Konzerte des NHK Symphonieorchesters würden allesamt im Fernsehen übertragen und mit Einführungen und Nachgesprächen redaktionell aufbereitet. Deshalb seien die Japaner auch so gut informiert über klassische Musik und ihre Interpreten. Ein solches Engagement für die klassische Musik kenne er von keiner Rundfunkanstalt in Europa oder den USA, so Blomstedt, der auch Ehrendirigent des NHK Orchesters ist.



Münchner Philharmoniker


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