Artemis-Quartett

Luft und Lust von anderen Planeten

Artemis-Quartett Foto: EMI CLASSICS

Das Artemis-Quartett und die Sopranistin Juliane Banse begeistern mit Brahms und Schönberg im Münchner Herkulessaal
(München, 3. Mai 2007) Es war ein kleiner dreiteiliger Brahms/Schönberg-Zyklus, den das Artemis-Quartett in den letzten Monaten im Herkulessaal bestritt. Begeisterten die Musiker im Herbst mit dem Brahmsschen op. 67 und später mit dem a-moll-Quartett op. 51/2, so wurde nun das c-moll-Quartett zum Ereignis. Was sollte man mehr preisen? Die Präzision in jedem Detail? Wie jede Phrase strukturell und im Klang geformt ist, oder die große Intensität, gepaart mit eminenter Klarheit? Eine Modellaufführung wurde da geboten, die noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Danach hätte das Konzert mit einer Entdeckung weitergehen können. War doch – wohl zum ersten Mal in München – Jörg Widmanns abschließender Satz seines fünfteiligen Streichquartett-Zyklus mit dem „Versuch über die Fuge“ zu hören. Was Widmann im Programmheft als verheißungsvolles Experiment beschrieb; als Versuch, sich der Fuge zu nähern, enttäuschte sehr, offenbarte sich als willkürliches Schneisenschlagen durch das Fugenkomponieren von Bach über Beethoven bis zu Glenn Goulds skurriler und sehr witziger Vokalfuge „So You Want To Write a Fugue?“ aus den frühen Sechzigern. Vollkommen quer stand zu diesem halbherzigen, wenig originellen und schon gar nicht innovativen Verfahren der Fragmentierung und Parodie die Abgründigkeit der lateinischen „Vanitas vanitorum“-Arie nach einem Text aus der Bibel, die Widmann mit den Fugen-Fetzen kontrastierte oder mit ihnen verschmolz. Bis in extreme Höhen wurde da die Sopranistin Juliane Banse mehrfach getrieben ohne dass sich die Notwendigkeit dieser Gipfelbesteigung wirklich erschloss. Bleibt zu wünschen, dass bald wieder eines der zahlreichen, aufregenden Kammermusikwerke Widmanns zu hören sein wird – wie erst jüngst beim Münchener Kammerorchester sein „…umdüstert…“.
Wie modern wirkte danach das genau hundert Jahre alte programmatische zweite Streichquartett Arnold Schönbergs, dessen dritter und vierter Satz ebenfalls eine Sopranstimme vorsehen. Es oszilliert nicht nur musikalisch zwischen dem Abschied von der Tonalität (mit dem Zitat von „O Du lieber Augustin, alles ist hin“) und dem Aufbruch in ein noch vages Neuland, sondern ist autobiographisch geprägt – im ersten Satz wie in der todtraurig verzweifelten „Litanei“ (nach Stefan George) des dritten. Vor allem in den kaleidoskopartig sich verschiebenden und wechselnden Ereignissen des zweiten Satzes spürte man, wie Schönberg immer wieder Neues ausprobiert. Und im ätherisch sich auflösenden Finale lässt er in der Vertonung von Stefan Georges „Entrückung“ hintersinnig singen: „Ich fühle Luft von anderen Planeten“.
Wieder spielte das Artemis-Quartett auf höchstem Niveau, vermochte es die Intensität des ersten Satzes ebenso zu vermitteln, wie es die schillernde Vielgestaltigkeit des zweiten durchdrang. Mit dem farbenreichen, bestechend klug geführten und ausdrucksvollen Sopran Juliane Banses gelang in den Stefan-George-Vertonungen eine Sternstunde. Ihr konnte nur eine wunderbar minimalistische, winzige Webern-Bagatelle – mit Sopran! – als Zugabe folgen. Großer Beifall.
Klaus Kalchschmid

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.