Artemis Quartett

Gestus des Lauschens

Das umbesetzte Artemis Quartett zu Gast bei den Salzburger Festspielen
(Salzburg, 23. August 2007) In der Kammermusik sind es für gewöhnlich weniger die Überwältigungseffekte, die auf die Zuhörer wirken und sie beeindrucken, sondern mehr die Beredtheit klugen und geistvollen Musizierens. Wenn diese Beredtheit in Kompositionen erfahrbar wird, die eher als schwierig und nicht leicht zugänglich gelten, beeindruckt dies umso mehr. Anton Weberns konzentrierte Klangchiffren op.5 von 1909 können zwar auch in mittelmäßigen Wiedergaben ihre eigentümliche Faszinationskraft entfalten, aber nur selten werden sie mit einem solch sprechenden Gestus musiziert wie beim Konzert des Artimis-Quartetts im Salzburger Mozarteumssaal. Trotz der Umbesetzung zweier Positionen – Gregor Sigl an der zweiten Violine und Friedemann Weigle an der Viola kamen neu hinzu – ließ das Quartett hier wiederum seine hoch gelobte Befähigung gerade für die zweite Wiener Schule hörbar werden, in kurzen Aufschwüngen, expressiven Motiv-Konzentraten und zarten, wie von einem Windhauch herüber gewehten Melodiefragmenten eine schier atemberaubende Spannung und Suggestivität zu erzeugen. Schubert und Wagner-Reminiszenzen klingen da mit, und sind im Moment des Erkennens auch schon wieder Vergangenheit. Keine Chance für ein „verweile doch!“. Die Flüchtigkeit der flüchtigsten aller Künste hat Anton Weber hier zum Stilprinzip seines Komponierens gemacht. Der „Gestus des Lauschens“ ist in diese Musik geradezu einkomponiert, konstatierte Adorno. Und so widmeten sich die Artemis-Musikern jeder singulären Klanggeste mit einer Intensität und Spannungsgeladenheit als wär’s ein ganzer thematischer Gedanke in einem Brahms-Quartett. Das machte den Reichtum dieser Musik erfahrbar, ihre Konzentriertheit erlebbar. Das gilt auch für die noch reduzierteren, chiffrenartigeren Sechs Bagatellen op. 9 aus dem Jahr 1913.
Welch ein Kontrast dazu waren die „himmlischen Längen“ in Schuberts Streichquintett in C-Dur. Eine Stunde dauert dieses viersätzige Werk, die sechs Bagatellen Weberns dagegen wenige Minuten. Ein Programm der Extreme, doch kurioserweise spürte man als Zuhörer weder die Kürze des einen noch die Länge des anderen besonders deutlich. In der Musik herrschen eben andere Zeitmaßstäbe, will sagen, jedes Stück schafft sich seine eigenen.
Eine Schubert-Offenbarung wurde der Abend allerdings nicht. Was die Artemis-Musiker, die auch bislang mit Schubert kaum auf sich aufmerksam gemacht haben, bei Webern an klanglicher Konzentration und Intensität im Musizieren boten, das wurde bei Schubert nicht in der Weise hörbar (Truls Mork war der zweite Cellist). Vielleicht war der Kontrast auch einfach zu groß, um vom Webernschen Minimalismus so übergangslos zum Maximalismus der Schubert-Komposition hinüber wechseln zu können. Jedenfalls blieb Schuberts Werk nicht nur aufgrund einiger Fehlgriffe der ersten Geige auf eher mässigem Niveau, erschien seltsam ungeerdet. Auch der Quartettsatz c-moll sowie das Andante-Fragment zu Beginn vermittelten keinen anderen Eindruck. Die wirkliche Anverwandlung und Durchdringung dieser Musik haben die Artemis-Musiker wohl noch vor sich.
Robert Jungwirth

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