Arming und Philis

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Der Charme der Sachlichkeit

Christian Arming Foto: primusic

Die Münchner Philharmoniker spielen unter Christian Arming Bartók, Martinu und das Kontrabasskonzert von Eduar Tubin

(München, 15. Juli 2007). Eines kann man den Münchner Philharmonikern nicht absprechen: sie sind ein wandlungsfähiges Orchester. Das Spektrum reicht von romantisch umwölkt – markiert von ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann – bis analytisch herb. Neben Peter Ruzicka und Frans Brüggen dürfte es in dieser Saison am ehesten der junge österreichische Dirigent Christian Arming sein, der diese Qualität des Orchesters einfordert. Arming dirigiert gerade eine Reihe von vier Konzerten in der Philharmonie im Münchner Gasteig (noch am 16., 17. und 18. Juli), in denen Bartóks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“, Bohuslav Martinus sechste Sinfonie und das Kontrabasskonzert des estnischen Komponisten Eduard Tubin (1905-1982) auf dem Programm stehen.
Christian Arming ist 36. Den Höhenflug seines Landsmannes Franz Welser-Möst, der schon mit 30 Chef des London Philharmonic Orchestra wurde, hat er damit schon verpasst. Aber der Sohn eines der einstmals einflussreichsten Musikmanager Österreichs (sein Vater war Chef des ehemaligen Schallplatten-Riesen „Polygram“) hält sich wacker im Geschäft und kommt immer wieder an das Dirigentenpult eines der großen Orchester. Dass er sich nicht mit Stars in der vordersten Reihe drängelt, mag daran liegen, dass Arming ohne erkennbare Allüren daher kommt. In Bartóks „Musik“ schien es sogar, als wolle er sich damit begnügen, die Musik ohne weiteren Kommentar vor den Zuhörern aufzuschlagen. „Da hört her, so ist es geschrieben“, kam die Botschaft zu den Publikumsreihen. Arming verbat sich und dem Orchester jede Sentimentalität, die sich angesichts des Spätwerkes des in den USA exilierten Komponisten anbieten könnte. Es regierte eine sauber sortierte Klarheit, die quasi die Organisation der Musik nachvollzog – mit einem hellen, leichten, daher auch stellenweise wieder gnadenlosen Ton. Diese Gnadenlosigkeit durch Klarheit trifft die Stimmung von Bartóks „Musik“ und legt zugleich die Ansprüche offen, die der Komponist vor allem in der Rhythmik gestellt hat.  Wie das Orchester zeigte, eignet sich das Stück deshalb als Aufwärmer am Anfang eines Programms nicht besonders gut.
Nach der gleich danach überraschend früh anberaumten Pause hatten die Orchestermusiker ihre Siebensachen beisammen. In dem fast völlig unbekannten Kontrabasskonzert von Eduard Tubin konnten sie eine von Jazzrhythmen beflügelte Spielfreude an den Tag legen, die Klangschönheit aller Orchestergruppen herauskehren und zeigen, wie delikat sie die Balance zum Spiel ihres solistisch tätigen Kollegen Slawomir Grenda halten können. Der sagt im „Klassikinfo“-Porträt [Porträt lesen], er wolle „den Bass auf das Podest heben“. Das Versprechen wurde gehalten. Zunächst im Sinne des Wortes in Form eines eigenen Podiums für Spieler und Instrument, dann durch das unprätentiös virtuose und farbenreiche Spiel Grendas und schließlich durch den Beitrag des Orchesters, das dem Solo unter Arming  eine Fassung gab wie der Goldschmied einem Edelstein. Fazit: das originelle, 1948 uraufgeführte und mit den aktuellen musikalischen Elementen seiner Zeit ohne Anbiederung, daher zeitlos arbeitende Stück gehört schleunigst ins Repertoire.  Grenda legte allerdings auch eine singuläre Spielkultur an den Tag und führte sein Instrument mit biegsamem Klang von eher baritonaler Qualität weit über sich hinaus. Da blieb nur Staunen, wozu ein Kontrabass fähig sein kann.
Ebensolche Freude am feinsortierten und ausgeloteten Klang gewährte dann zum Abschluss Martinus 1955 in Boston uraufgeführte sechste Sinfonie. Auch dies ein Stück, das auf Armings eher sachlichen Stil dankbar ansprach und die Klangpalette des Orchesters in delikatem Schimmer erstrahlen ließ. Die Güte der Komposition erweist sich ja darin, dass sich der strukturelle Hintergrund in ein sinnliches Erlebnis umwandelt, das den Zuhörer gefangen hält. Hier war es keine sinfonische Größe, kein lautes Prunken, welche Aufmerksamkeit einforderten, sondern die geschmackvolle, dezente Verbindung der Orchesterkräfte. Wie Wirkung auch aus den Zwischentönen kommen kann, das haben Christian Arming und die Münchner Philharmoniker an diesem Abend bewiesen.
Laszlo Molnar

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