Ariodante

Barock in trockenen Tüchern

Vivica Genaux und Olivier Lallouette Foto: Alvaro Yanez

Georg Friedrich Händels „Ariodante“ am Pariser Théâtre des Champs Elysées
(Paris, März 2007) „Ariodante“ ist Händels 29. Oper und seine erste für Covent Garden. Sie ist sicherlich eine seiner musikalisch schönsten und handlungsmässig klarsten Opern. Mit „Ariodante“ kehrte Händel zum musikalischen Drama zurück. Auf diese Weise versuchte er an den großen Erfolg seines „Rinaldo“ anzuknüpfen, mit dem er Jahre zuvor das Londoner Publikum erobert hatte. Uraufgeführt wurde sie am 8. Januar 1735. Nach zwei Jahren, in denen „Ariodante“ immer wieder zur Aufführung kam, geriet die Oper allerdings in Vergessenheit. 1928 wurde sie in Stuttgart wiederentdeckt.
Die Handlung basiert auf Ariosts „Orlando Furioso“: Prinzessin Ginevra und Ritter Ariodante sind ein Paar. Der schottische König, Ginevras Vater, ist mit der Verbindung einverstanden und will dem Freier seinen Thron überlassen. Doch Ritter Polinesso will Ginevra für sich haben. Polinesso wird wiederum von Dalinda, der Kammerzofe Ginevras geliebt. Eine Liebe, die allerdings nicht erwiedert wird. Schließlich gibt es ein Happy End: der Bösewicht stirbt und Ginevra bekommt ihren Ariodante.
Schon bei der Ouverture wird deutlich, dass es Christophe Rousset am Pult des Orchesters Les Talens Lyriques ein wenig an jener Verve fehlt, die für Händel typisch ist und die ein Händelfachmann wie Alan Curtis, aber auch William Christie, weitaus besser aus den Noten hervorzukitzeln verstehen. Sicherlich: Rousset hatte seine Musiker fest im Griff und bis auf die ständig verstimmten Trompeten, die so manche Arie im wahrsten Sinne des Wortes vernichteten, bot er eine einwandfreie und saubere musikantische Interpretation. Doch es fehlte etwas: Es fehlte der Schwung, das Sublime, das Leidenschaftliche und Feinsinnige dieser Komposition. Das Problem ist, dass Roussets Interpretation nicht ergreift, nicht berührt, nicht ans Herz geht.
Die Besetzung war stimmlich homogen. Vivica Genaux sang den Bösen, den Polinesso. Sie ist ein kräftiger Mezzosopran, wirkt aber eher wie ein Athlet, der breitbeinig daherkommt und von stimmlichen Nuancen zumindest an diesem Abend nicht allzu viel hielt. Die Ginevra wurde von Danielle De Niese gesungen, eine saubere hohe Stimme, sicher und klar. Angelika Kirchschlager interpretierte den Ariodante. Eine schöne Stimme, aber etwas zu leise, zu feminin. Als Hosenrolle überzeugte sie in dieser Inszenierung nicht. Die übrigen Interpreten passten gut in ihre Rollen, boten stimmliche Qualität.
Traurig war die Regie von Lukas Hemleb. Leicht metaphysische Bühnenbilder, die keinen rechten Sinn ergaben. Minimalismus, der einfach nur billig wirkte. Die gesamte Regie war zu statisch und entsprach in keiner Weise einer barocken Oper. Und erst die Balletteinlagen. Man muss sich fragen, welche fetischistische Bedeutung die Stofftücher im Stil von Abtrockentüchern für Choreograph Andrew George hatten, die die Tänzer bei ihren Bewegungen durch die Luft wedelten und, was sicherlich nicht eingeplant war, immer wieder aus den Händen verloren und aufheben mussten. Die Kostüme à la Haute Couture stammten von Marc Audibet, mittelalterlich angehaucht, aber untereinander so ähnlich, das man die einzelnen Sänger auf den ersten Blick gar nicht auseinander halten konnte.
©Thomas Migge 2007

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