Ariadne Essen

Zerbinetta und ihre Liebhaber

Silvana Dussmann (Ariadne) und Julia Bauer (Zerbinetta) (Foto: Matthias Jung)

Michael Sturminger inszeniert Richard Strauss‘ "Ariadne auf Naxos". GMD Stefan Soltesz führt die Essener Philarmoniker zu Höchstleistungen
(Essen, 4. Dezember 2012) Die laufende Spielzeit ist die letzte von Stefan Soltesz als GMD der Essener Philharmoniker und Intendant des Aalto-Musiktheaters. "Im Hauptberuf bin ich Dirigent", ließ er einmal sinngemäß verlauten, "vor allem jedoch Theatermensch". Sein Essener Doppelamt hatte also Logik und führte ja auch immer wieder zu glücklichen Entscheidungen hinsichtlich Inszenierungsteams und Sängerbesetzungen. Als Dirigent hat Soltesz nicht zuletzt bei Werken des klangmagischen Richard Strauss überzeugt und bei Zeitungsumfragen immer wieder Bestnoten erhalten. So ist es Ehrensache, dass er auch in seiner finalen Saison mit einem Strauss-Werk aufwartet, diesmal der "Ariadne auf Naxos". Unter seiner wachen Stabführung klingt das Orchester zärtlich und aufbrausend, fragil und vital, exzellent in der Klangkultur. Man könnte übrigens ins Sinnieren darüber geraten, ob die 36 "Ariadne"-Instrumentalisten nicht auch für eine "Elektra" ausreichen würden – so raumfüllend klingt das Spiel des Essener Orchesters.
Als Privatmensch war Strauss der Prototyp eines handfesten Bajuwaren, kompositorisch und auch literarisch allerdings ein sensibler Forscher und Tüftler. Seine Neigung zu antiken Stoffen führten ihn mitunter zu entlegenen Sujets wie " Die Liebe der Danae" oder „Die ägyptische Helena" (vor Jahren in Essen mit Luana DeVol und Helen Donath hinreißend besetzt). Auch auf die stofflich wie ideologisch nicht einfache "Ariadne auf Naxos" sollten sich Besucher angemessen vorbereiten. Treue und Verwandlung als scheinbar sich ausschließende Komponenten menschlichen Daseins – das erschließt sich nicht auf Anhieb, selbst wenn – wie in Essen grundsätzlich – auch bei deutschsprachigen Aufführungen Übertitel geboten werden.
Michael Sturminger, am Aalto mit Kálmáns "Csárdásfürstin" (hochinteressantes Konzept) und Tschaikowskys "Eugen Onegin" (fragwürdig) hervorgetreten, hat mit seinen Ausstattern Renate Martin und Andreas Donhauser "Ariadne" bereits am St. Petersburger Mariinksi-Theater erarbeitet und bekennt sich nachdrücklich zu diesem teilweise doch recht esoterischen Werk (in der üblichen Fassung mit nachkomponiertem "Vorspiel"). Das Ambiente des Antiken interessiert ihn freilich nicht so sehr, sehr viel mehr das Theater-Tohuwabohu, welches sich dann innerhalb der "Oper" besänftigt, glättet und die Macht der Musik als "heilige" (?) Kunst beglaubigt. Verwandlung somit auch hier.
Das pausenlos gegebene Werk spielt in Essen hier und heute, konkret im Aalto Musiktheater, auf dessen gespiegelter Bühne die geforderte "wüste Insel" hübsch dekorativ aufgebaut ist. Man wird Zeuge der Vorbereitung für die Aufführung einer Oper, welche der "reichste Mann von Wien" bestellt hat. Die kleine Unstimmigkeit, welche sich durch die Verlegung ins 21. Jahrhundert ergibt, muss man nicht allzu streng benoten. Die Grundsituation bleibt glaubwürdig, der Seria/Buffa-Kontrast erzeugt weiterhin Wirkung, hätte von der Regie allerdings stärker ausgereizt werden können. Schön ist allerdings die zickige Reaktion von Primadonna/Ariadne (Silvana Dussmann findet in ihrer Debütpartie immer wieder zur Würde der Figur zurück und singt leuchtkräftig). Auch die reflektiven Passagen der Zerbinetta-Arie erfahren neue Beleuchtung, zumal Julia Bauer, vokal perfekt, dieser Färbung viel Raum gibt.
In einer schon lange zurückliegenden Kölner "Ariadne"-Inszenierung ließ Jean-Pierre Ponnelle den Komponisten Selbstmord begehen angesichts des Spektakels, welches seinen künstlerischen Idealen Hohn gesprochen hatte. Ein fraglos zu weit gehender Einfall. Bei Sturminger in Essen gerät der junge Mann (von Michaela Selinger mit schönem Überschwang gegeben) immer stärker in die (Zerbinetta-)Fänge erotischer Gefühle, sein Werk scheint ihm zuletzt fast gleichgültig geworden zu sein, womit die Regie wohl doch etwas zu kurz greift. Im Gesamtkontext macht dies freilich auch wieder Sinn, denn auch sonst gibt es zum Finale lauter Paarbindungen: Ariadne und Bacchus, Nymphen und Harlekine, wobei Truffaldin sich mangels Dame mit dem Tanzmeister "begnügt"; aber vielleicht ist dies auch bewusst ein Akzent homoerotischer "Ergänzung". Für die Begegnung des "hohen Paares" lässt es der Regisseur an triftigen Reaktionen allerdings fehlen, begnügt sich mit vornehmem Schreittheater. Dabei sollte gerade dieser Szene  starkes Gewicht zukommen. Immerhin zeigt sich die von Theseus verlassene Ariadne zuvor wirklich todesbereit (letal lustvoll ihre Anrufung von Hermes). Bacchus wiederum veruscht, sich von der erotisch erschreckenden Begegnung mit der Zauberin Circe zu erholen (die Stimme von Jeffrey Dowd klingt tatsächlich nicht ganz frisch, wenn auch stets höhensicher). Schön freilich wieder das Schlussbild, wo das "für Punkt neun Uhr anbefohlene" Feuerwerk die Zukunft der beiden zu feiern scheint.
Das vokale Niveau im Aalto ist wie stets hoch. Den Harlekin gibt Günter Kiefer (in der zweiten Vorstellung am 4. Dezember), allerdings einigermaßen angestrengt; da steht von seinem Kollegen Peter Bording mehr zu erwarten. Noch vor Rainer Maria Röhr (Scaramuccio) und Roman Astakhov (Truffaldin) ist der tenorfrische Andreas Hermann (Brighella) zu nennen. Zu den Nymphen (Astrid Kropp-Menéndez, Anja Schlosser) gesellt sich Francisca Devos als nicht gerade ätherisches Echo. Albrecht Kludszuweit gefällt als Tanzmeister, dem Musiklehrer gibt Heiko Trinsinger angemessene Kontur.
Christoph Zimmermann 

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