Argerich-Kremer

Ein ungleiches Paar

Gidon Kremer und Martha Argerich Foto: Markovskis/Heitman

Martha Argerich, Gidon Kremer und die Kremerata Baltica gastierten in München
Von Robert Jungwirth
(München, 8. März 2017) Sie sind ein ungleiches Paar, Martha Argerich und Gidon Kremer, die Südamerikanerin mit der Löwenpranke und der feingeistig-skrupulöse, ja auch etwas verkopfte Lette. Und doch sind die Beiden mit ihren 75 und 70 Jahren ein unwiderstehliches Paar. Bei Beethoven sicher noch mehr als bei Schumann, dessen erste Sonate (a-moll) beim Münchner Konzert in der Philharmonie im Rahmen der aktuellen Tournee zu Kremers 70. Geburtstag auf dem Programm stand.
„Mit  leidenschaftlichem Ausdruck“ ist der erste Satz bei Schumann überschrieben, und Martha Argerich ließ es im Flügel lodern, während Kremer ein eher kaltes Feuer entfachte. Schade, denn hier wäre tatsächlich ein wenig mehr Leidenschaft kein Fehler gewesen. Großartig war Kremer an diesem Abend vor allem in Schuberts sanft-wehmütiger Fantasie C-Dur (D 934), die in der Fassung mit Orchester von Victor Kissine zu hören war. In ihr spürte Kremer mit feingesponnener Innerlichkeit der Seelenmusik Schuberts nach – sensibel begleitet von den Musikern seiner Kremerata Baltica. Auch dieses von Kremer gegründete Ensemble aus Musikern aus den baltischen Ländern feiert in diesem Jahr Jubiläum: seinen 20-jähriges Bestehen. Traumhaft irreal klangen die Walzer- und Volksmusikanleihen in diesem wenig bekannt Schubert-Stück bei Kremer, wie aus einer anderen Welt. Allein damit machte der Geiger klar, was ihn von den Myriaden von Geigentalenten unterscheidet, die der Klassik-Markt in den vergangenen Jahren hochgespült hat und immer weiter hochspülen wird: seine kompromisslose künstlerische Integrität, seine Unbedingtheit in der Auseinandersetzung mit dem Werk, seine enorme Klugheit, Klarheit und Präzision in Phrasierung und Ausdruck. Die Liste ließe sich noch um etliche weitere Vorzüge fortsetzen. Der Hinweis auf Kremers Neugier zeitgenössischer oder vergessener Musik gegenüber sei aber noch ergänzt. Aktuell engagiert Kremer sich ja besonders für die Musik des jetzt wieder ein wenig ins Bewusstsein der Klassikhörer gerückten Mieczyslaw Weinberg (1919-1996). So war eingangs dessen zweite Sinfonietta g-moll aus dem Jahr 1960 zu hören – die Kremerata spielte ohne Dirigenten. Am beeindruckendsten geriet hier der Schlusssatz mit seinen – was für eine Überleitung zu Schubert! – geisterhaft-grazilen Klanggespinsten.
Alle zusammen waren dann zum Schluss in Mozarts Konzert für Flöte, Harfe und Orchester C-Dur (KV 299) zu hören, das Victor Kissine für Violine statt Flöte bearbeitet hat. Selbst Kremer gelang es jedoch nicht, dass man der Violine den Vorzug gegenüber der originalen Flöte geben würde – Mozart wußte schon, warum er dieses Instrument für diese Komposition gewählt hat… Einen Riesenapplaus erspielten er, Martha Argerich und die Kremerata sich aber natürlich dennoch. Mit „Liebesfreu-Liebesleid“ von Fritz Kreisler als Zugabe, begleitet von Martha Argerich, entließen die beiden Heroen ihre Zuhörer beschwingt-lächelnd…



Münchner Philharmoniker


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