Arabella Zürich

Bittersüße Tragikomödie

Renée Fleming und Frank Larsen Foto: S. Schwiertz / Oper Zürich

Renée Flemings Debüt an der Zürcher Oper als Arabella
(Zürich, 19. Juni 2007) „Arabella“, die fünfte und letzte Zusammenarbeit von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal, der die Vollendung des Librettos zu dieser „Lyrischen Komödie“ nur ein paar Tage überlebte, ist vielleicht ihre vielschichtigste und schönste. Das lebendige, lebensnahe Meisterwerk zwischen Ernst und Heiterkeit – gemäß der Maxime des Textdichter, die Tiefe unter der Oberfläche zu verstecken – beglückte auch beim Zürcher Debüt von Renée Fleming in der Titelrolle.
Obgleich sich Götz Friedrichs Inszenierung aus dem Jahr 2000 ganz in anthrazit-grauer Art-Deco-Kühle abspielt, war wohl für die Wiederaufnahme und den DVD-Mitschnitt so intensiv geprobt worden, dass die Gefährdung immer präsent war, in der sich alle Figuren befinden: Hier die stolze, selbstbewußte, auch ein wenig kokette Tochter des Hauses, die weiß, dass sie bald eine Vernunftheirat eingehen muss; dort ihre jüngere, warmherzige Schwester Zdenka (mit lyrischer Emphase: Julia Kleiter), die als Junge gekleidet ist, weil die verarmten Eltern (sehr präsent mit Mut zur Komik: Cornelia Kallisch und Alfred Muff) glauben, keine zwei weiblichen Wesen standesgemäß präsentieren zu können. Hier die drei Grafen (Peter Straka, Cheyne Davidson, Morgan Moody), die Arabella kindisch und geckenhaft den Hof machen; dort der sie wild entschlossen und verzweifelt begehrende Offizier Matteo.
Für den jungen Schweden Johan Weigel ist dieser Heißsporn eine Paraderolle, die er mit bestechend klarer Diktion spielt und singt, dank derer man jedes Wort versteht. Nur anfangs bereitet ihm die heikle Höhe etwas Probleme; die große Auseinandersetzung mit Arabella, von der Matteo glaubt, sie hätte ihm gerade eine Liebesnacht gewährt (was ihm Zdenka vorgaukelte) gelingt ihm jedoch ausgezeichnet. Auch der Däne Morten Frank Larsen (eingesprungen für Thomas Hampson) ist als Typ eine Idealbesetzung für den ebenso sensiblen Mann wie „halben Bauern“ Mandryka. Da stört es kaum, dass seine Stimme alles andere als geschmeidig klingt, sondern ein durchaus charakteristischer Bariton mit Ecken und Kanten ist.
Renée Fleming war vor sechs Jahren in der Münchner Inszenierung von Andreas Homoki ein eher unnahbares, blond onduliertes Geschöpf der späten Zwanzigerjahre. Im Hotel-Ambiente der Züricher Aufführung darf die perfekt deutsch sprechende und singende Amerikanerin glamouröser sein, braucht sie ihre Attraktivität nicht zu verstecken, sondern darf damit charmant den sie verehrenden Männern den Kopf verdrehen, mal kühl und abweisend spöttisch, mal zärtlich hingebungsvoll sein. Ihre Stimme lockt und verführt, kann in der Höhe wunderbar aufblühen und schillernde Farben entfalten. Beeindruckend intensiv spielt sie die Verwirrung und Betroffenheit Arabellas im dritten Akt, der hart die Tragödie streift und in dem sich der Knoten der Missverständnisse nur langsam löst.
Franz Welser-Möst dirigiert eine schlackenlos reine, sanft leuchtende „Arabella“. Unter seiner Leitung spielt das blendend disponierte Orchester diese späte Operette oft als feine, filigrane Kammermusik. Wenn die große Geste oder ein dichtes Gewebe gefordert ist, dann geschieht dies mit exzellenter Balance und makelloser Präzision aller Instrumentengruppen.
Am 13. Juli 2008 wird Welser-Möst mit einem „Rosenkavalier“ seinen Abschied als GMD der Zürcher Oper geben, bevor er dann 2010 Musikchef der Wiener Staatsoper wird. Auf diese Vorstellung und eine Neuproduktion der „Frau ohne Schatten“, die er als Gast in der Spielzeit 2009/2010 dirigieren wird, dürfen sich die Zürcher jetzt schon freuen.
Klaus Kalchschmid

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