Anna Netrebko singt in der Arena di Verona

Pimp L’Arena

Anna Netrebko singt in Il Trovatore erstmals in der Arena di Verona – Ergebnis einer Neustrukturierung der berühmten Freiluft-Arena

Von Susanne Lettenbauer

(Verona, 29. Juni 2019) Der Bürgermeister von Verona ist begeistert. Federico Sboarina, rechtsnationaler Politiker der Lega, lässt sich in den vergangenen Tagen nahezu täglich für Facebook, Twitter & Co. in der Arena di Verona ablichten. Gemeinsam mit Hollywood-Star Julia Roberts, beim Konzert mit Sir Elton John, bei der Einfahrt des Siegers des Radrennens Giro d’Italia. Dann wieder mit Staatspräsident Sergio Mattarella bei der Premiere der diesjährigen Neuproduktion „La Traviata“, ein letztes Mal in bekannter opulenter Manier gestemmt von Altmeisterregisseur Franco Zeffirelli.

„Verona, Hauptstadt von Italien, die gewinnt“, schwärmt der seit 2017 amtierende, stadtweit beliebte Bürgermeister. „Die Arena, ein Tempel der Weltkunst.“ Die Lega hat ihren Hort der „echten Italianitá“ wieder. Qualität statt Quantität. Endlich.
Auferstanden aus Ruinen. 2016 schrammte die weltgrößte Opernbühne haarscharf am Kollaps vorbei, 25 Millionen Euro Schulden hatten sich angehäuft, Künstler erhielten ihre Gagen verspätet, wenn überhaupt. Sponsoren sprangen ab, die staatlichen Zuschüsse wurden immer mehr gekürzt. Eine Schließung stand kurz bevor. Und das alles nicht zum ersten Mal.

Ein Disneyland mitten in der Stadt. Ramschkulisse für tägliche Ladungen voller Bustouristen mit Billigticket – dieses Klischee hängt Italiens drittgrößter Originalarena aus römischer Zeit um 30 n.Chr. teilweise noch heute an. Nur langsam quält sich die Fondazione di Arena di Verona aus diesem Ruf und könnte Erfolg haben:

Seit 2018 sitzt die italienische Sopranistin Cecilia Gasdia nun – passenderweise gebürtig aus Verona – auf dem Intendantenstuhl, gleichzeitig künstlerische Leiterin und Interims-Verkaufs- und Marketingchefin. Wie eine von der regierenden Lega persönlich auf den Thron gehobene Künstlerin, um der Romeo- und Julia-Stadt zu altem Glanz zu verhelfen. Anders als noch bei Giorgio Battistelli, der als künstlerischer Leiter 2008 vergebens versuchte, anspruchsvolle moderne Werke zeitgenössischer Komponisten ins Programm zu bringen, was von den Rechtsnationalen sehr schnell unterbunden wurde.

Nun also Gasdia, Expertin für spektakuläre Koloraturen, 1981 Siegerin beim Maria-Callas-Wettbewerb der RAI, wenig später Debüt als Violetta am Teatro Comunale in Florenz in einer der vielen Traviata-Inszenierungen von Franco Zeffirelli. Der Durchbruch gelang der heute 59 Jährigen als Einspringerin für Montserrat Caballé in der Titelrolle der Anna Bolena von Donizetti an der Mailänder Scala.
Eine Vollprofi für Verona mit Kontakten an alle wichtigen Opernhäuser weltweit. José Carreras, Placido Domingo, Zubin Mehta, Riccardo Muti, Andrea Bocelli – notwendige connections, um Opernfans, Kritiker und Sponsoren wieder auf L’Arena als lohnende Klassikdestination aufmerksam zu machen. Ein mühsames Geschäft, das in diesem Jahr erstmals Früchte trägt. Mit Hilfe von Starkollegin Anna Netrebko.

Warum genau „La Anna“ sich überzeugen ließ, in abendlicher Gluthitze drei Vorstellungen einer ältlichen – ja genau – Zeffirelli-Inszenierung von Verdis Il trovatore aus dem Jahr 2016 zu singen, weiß man nicht genau. Ein Zugeständnis an die Intendantin? Ein Gefallen für ihren Tenor-Ehemann Yusiv Eyvazov, der nicht nur den Manrico im trovatore gibt, sondern bereits 2018 als Radames in Verdis Aida von – auch hier – Regisseur Zeffirelli auftrat?

Die Rolle der Leonora scheint Netrebko seit dem Rollendebüt 2013 wie auf den Leib geschnitten. Ob mit Placido Domingo in Berlin, 2014 in Salzburg, dann in Paris und New York, 2017 in Wien und nun Verona – dass Netrebko der Schmuddelkiste L’Arena ihre Stimme leiht, katapultiert das alte Gladiatorenrund zurück an die Spitze der Opernbühnen. „Ein Hauch von Callas weht über die Bühne“ schwärmte in Berlin ein Kritiker opulent. Kein Wunder, dass die drei Aufführungen des Ehepaares Netrebko/Eyvazov die Kassen klingeln lassen und nach Jahren der Abstinenz Opernkenner wieder nach Verona locken. Mit Skepsis, aber Neugier, ob der Neustart an der Piazza Bra gelingen kann.

Die drei Jahre alte Zeffirelli-Inszenierung für Verdis Il Trovatore setzt auf drei riesige, graue, abweisende Türme, zusammengeschweißt aus Metallschrott, rechts und links der Bühne flankiert von übermannshohen Rittern in Kampfposen. Eine düstere Szenerie für einen düsteren Plot. So gar nicht der überbordende, bombastische Zeffirelli-Pomp à la Versace, zumindest anfänglich. Eine Szenerie im Spanien des 15. Jahrhunderts, wie sie Verdi im Kopf hatte. Darin bleibt Zeffirelli – bis zu seinem Tod mit 96 Jahren vor wenigen Wochen konservativer Forza Italia- und Berlusconi-Freund – gewohnt sklavisch dem Italiengenius treu.

Den Chor der Wachsoldaten steckt er in opulente, historisierende Kostüme. Lange, doppellagige Gewänder ebenso für Leonora und die zwei Konkurrenten Manrico und Graf Luna. Bei gut 30 Grad im Arenaschlund trotz Veranstaltungsbeginn um 21 Uhr eine Mammutleistung. Die noch getoppt wird durch die Akustik auf der riesigen Bühne. Der israelische Dirigent Daniel Oren, seit dieser Spielzeit musikalischer Leiter und weiterer Pluspunkt bei der Neuorientierung der Festspiele, startet zu zaghaft für die gut 12 000 Zuhörer fassende Open-Air-Manege, ein Diener der Sänger, dem erst ganz zum Schluss der Dirigentenstab ausrutscht zum Fortissimo.

Ein Glück für Netrebko & Co, die offensichtlich erst im zweiten Akt merken, dass die erstaunliche Resonanz der Arenabühne nur im hinteren Bereich so richtig zum Tragen kommt, im Unterschied zur Rampe an normalen Opernhäusern. Netrebko in schwarz-blauer Robe ist aber viel zu versiert, als sich davon irritieren zu lassen. Seit 2013 ist ihre Leonora stimmlich zu einer Ausnahmeerscheinung gereift. Dunkles Timbre, kraftvolle Mezzo-Passagen, selbstbewusste Koloraturen, Verzierungen und Kadenzen, dass es die Zuhörer auf den heißen Gradinata-Stufen und harten Plastikstühlen festbannt.

Besetzung Trovatore Foto: Ph Ennevi/Courtesy of Fondazione Arena di Verona

Personenregie? Fehlanzeige. Egal. L’Arena braucht das nicht. Auf „D’amor sull’ali rosee“, Leonoras berühmte Schlussarie, folgen minutenlange Ovationen. Der putzigen Tradition, die Arie zu wiederholen, folgt Netrebko indes nicht. Auch nicht ihr ebenbürtiges Gegenüber Luca Salsi als Graf Luna – auch er eine Qualitätsoffensive von Intendantin Gasdia. Der Bariton gehört zur Stammmannschaft der Mailänder Scala. Tenor-Ehemann Yusiv Eyvazov fällt stimmlich daneben rapide ab als Troubador und Verehrer. Eine dünne Stimme für die riesige Arena, eine schwache Figur neben Graf Luna.
Dennoch ein Ausnahmeabend, ein funkelndes Sterne-Ereignis bei lauen Temperaturen. Auch dem Denkmalschutz sei Dank. Der Plan, der Arena ein mobiles Dach zu verpassen, ist seit 2018 vom Tisch.

Nächste Vorstellungen mit Netrebko/Eyvazov: 4.7. und 7.7.2019

Übertragung 3sat am 13.07.2019, 18:30 – 21:00 Uhr
Musikalische Leitung Pier Giorgio Morandi
Regie und Bühnenbild Franco Zeffirelli
Kostüme Raimonda Gaetani
Choreographie El Camborio und Lucia Real

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