Anna Karenina als Ballett

Großes ohne Tiefe

Christian Spucks „Anna Karenina“ will beim Bayerischen Staatsballett nicht so recht überzeugen

Von Christian Gohlke

(München, 19. November 2017) Wehe dem, der seinen Tolstoi nicht parat hat! Der wird an diesem Ballett-Abend in der Bayerischen Staatsoper immer wieder einen hastigen Blick ins Programmheft werfen müssen, um dort nachzulesen, was Christian Spuck gerade erzählen möchte. Viele Szenen erschließen sich ohne die Kenntnis der Handlung kaum: Die Ballnacht, die Heuernte, das Pferderennen, der Opiumrausch, Annas Selbstmord.

Und andererseits wiederum: Wehe dem, der den Roman in genauer Erinnerung hat! Der wird bei dieser „Anna Karenina“, die 2014 in Zürich uraufgeführt und nach Stationen in Oslo und Moskau nun in München zu sehen ist, die Tiefe und Komplexität der Charaktere schmerzlich vermissen. Dass Kittys hochfliegendes Selbstgefühl auf jener ersten großen Moskauer Ballnacht durch Annas strahlende Erscheinung in Fetzen zerrissen wird; dass die Karenina beim Pferderennen nach Wronskis Sturz durch einen jähen Aufschrei den längst schwelenden Argwohn Karenins unwillkürlich bestätigt; dass Lewin, der von Kitty hochgemut abgewiesen wurde, sich in seiner Verzweiflung dem einfachen Landleben zuwendet und dort im Gleichmaß der Arbeit Vergessen und Erfüllung findet; dass später Karenina zwischen der Liebe zu Wronski und der Liebe zu ihren Sohn zerrissen wird und schließlich in tiefere und tiefere Schwermut versinkt – das alles ist demjenigen, der Lew Tolstois Roman einmal gelesen hat, ein unvergesslicher Seelenschatz. I

In Christian Spucks „Anna Karenina“ wird er davon nur einen schwachen Abglanz sehen. Und wer den Roman also nicht kennt, wird dem Ballett nur schwer folgen können. Ein Dilemma, an dem nicht nur dieses Handlungsballett krankt.

Der Choreograph, der seit 2012 Intendant des Zürcher Balletts ist, lässt den einzelnen Episoden zu wenig Raum zur Entfaltung. Nach der Pause gelingen dichtere Momente, aber im ersten, gefährlich langatmigen Teil des Abends reiht sich Szene an Szene, ohne dass ein Handlungs- und Spannungsbogen entstünde. Der Plot des Romans wird Station um Station abgearbeitet, doch kaum eine Szene gelingt eindringlich. Das liegt auch an Matthew Golding, der ausgerechnet in der Rolle des Grafen Wronski als Gastsolist sein Haus- und Rollendebüt gibt. Er ist – leider lässt sich das harte Wort nicht vermeiden – eine Fehlbesetzung. Keinen Augenblick lang wird glaubhaft, dass Anna ihren Ehemann einer so wenig charismatischen Erscheinung zuliebe verlässt, zumal Erik Murzagaliyev der Rolle des Karenin durch Strenge und Aggression eindrucksvolle Bühnenpräsenz verleiht.

So gelingen die Auseinandersetzungen zwischen Anna und Karenin letztlich überzeugender als die Szenen, die Annas und Wronskis leidenschaftliche Liebe zeigen wollen. Hier fehlt es an Spannung und darstellerischer Glaubwürdigkeit. Ksenia Rhyzhkova meistert die anspruchsvolle Titelpartie tänzerisch beeindruckend souverän. Charakterliche Tiefe kann sie dieser Figur aber nur bedingt verleihen. Allzu plakativ gerät die Gestik der Tänzer im großen Pas de deux zwischen Anna und Wronksi, da Spucks weitgehend neoklassisches choreographisches Vokabular nicht ausreicht, um das Lodern dieser Leidenschaft mit rein tänzerischen Mitteln darzustellen.

Zarter und darum anrührender als das im Zentrum stehende Liebespaar ist die Geschichte um Lewin und Kitty gezeichnet. Jonah Cook ist ein sensibler Lewin, der in seinem großen Soloauftritt mit weit ausladenden, weich fließenden Bewegungen Verzweiflung und Sinnsuche vermitteln kann. Eine Szene von großer Poesie gelingt ihm gemeinsam mit Laurretta Summerscales als Kitty, die er nach der Hochzeit auf dem Fahrrad mit sich hinwegführt.

Schön anzusehen ist übrigens nicht nur diese Sequenz. Eine Augenweide sind auch die großen Ball-Szenen des Abends, weil Emma Ryott sowohl für die Hauptfiguren als auch für das Corps de ballet Kostüme von erlesener Schönheit und Eleganz im Stile des 19. Jahrhunderts geschneidert hat, die sich im dezenten, dunkel gehaltenen Bühnenbild von Jörg Zielenski und Christian Spuck wundervoll entfaltet.
Reich wie die Ausstattung ist die Musik: Satte Spätromantik (Rachmaninow) kontrastiert Spuck mit moderneren Klängen (Lutoslawski), um Glück und Leid, Liebe und Aggression, Öffentliches und Privates voneinander abzugrenzen. Robertas Servenikas fühlt sich mit dem Bayerischen Staatsorchester offensichtlich in beiden Klangsphären gleichermaßen zu Hause.

Christian Spuck halt also einen durchaus oppulenten Ballett-Abend ins Münchner Nationaltheater geholt. Zu sehen und zu hören gibt es jede Menge: Bezaubernd schöne Kostüme, mit Energie gespielte Musik, Video-Projektionen (Bahngleise und ratternde Züge ebenso wie trampelnde Pferdehufe) und mit handwerklichem Geschick arrangierte Ensemble- und Solo-Szenen. Herzbewegend ist diese temporeiche Aufführung aber nicht. Dafür fehlt es den Charakteren an Glaubwürdigkeit und Tiefe.

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