Anima Eterna

Konzertkritik: Anima Eterna

Etwas gewollt

Anima Eterna Brügge Foto: Alex Vanhee

Das Originalklang-Orchester „Anima Eterna“ aus Brügge spielte unter seinem Leiter Jos van Immerseel im Münchner Herkulessaal Konzerte von Mozart und eine Symphonie von Haydn
Von Laszlo Molnar
(München, 11. November 2014) München ist nach Jahren der Zurückhaltung nun insgesamt recht gut versorgt mit Aufführungen „klassischer“ Musik in historisch informierter Aufführungspraxis. Die Akademie für Alte Musik Berlin hat hier ihre eigene Konzertreihe, mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks treten regelmäßig führende Barockensembles auf, wie zuletzt „Il Giardino Armonico“. Etliche Ensembles sind hier ansässig und lassen von sich regelmäßig hören. Besonders wichtig für die Präsenz des Originalklangs in München ist der Veranstalter „Tonicale“. In dessen Programm „Musikererlebnis“ tauchen regelmäßig bedeutende Namen der Originalklangszene auf, die ihre aktuellen Programme vorstellen. Im November waren es gleich zwei attraktive Termine: das Konzert des Nederlands Kamerkoor in der Allerheiligen Hofkirche und das Gastspiel des Orchesters „Anima Eterna“ aus Brügge im Herkulessaal der Residenz.
„Anima Eterna“, gegründet von dem Pianisten Jos van Immerseel und nach dessen Nachnamen benannt, ging es von Anfang an darum, Musik der Klassik und der Romantik auf den Instrumenten und in den Besetzungen ihrer Entstehungszeit aufzuführen. Ein fester Kern von Musikern wird dafür nach Bedarf um Gäste erweitert, um auch die „große“ Romantik, etwa von Tschaikowsky oder Liszt, zu spielen. Besonders, wenn „Anima Eterna“ in größerer Formation auftritt, kommt das Spezielle dieses Orchesters zur Geltung: Ein seidiger symphonischer Klang, der in den verschiedensten Farben schillert; ein homogenes Zusammenspiel, aus dem die Details der Musik hervorfunkeln. Ruhe und Souveränität im Ganzen, eine geradezu aufrührerische Vitalität in den Details. Das wirkt großartig bei den Symphonien von Mozart oder Schubert, es verändert völlig die Wahrnehmung der Musik der Romantiker.
Auf ihrer aktuellen Tournee mit Konzerten von Mozart und einer Symphonie von Haydn ist die Truppe in kleiner Besetzung unterwegs. Drei erste, zwei zweite Geigen, zwei Bratschen, Cello, Kontrabass, dazu einfach besetzte Bläser. Historisch gewiss korrekt: Mozart musste bei seinen selbstveranstalteten Konzerten in Wien, bei denen er seine Klavierkonzerte aufführte, gewiss aufs Geld achten, und die Größe der Hofkapelle von Fürst Nikolaus Esterházy in Eisenstadt, Haydns Arbeitgeber, war auch auf diesem Niveau. Die Eszterházy-Kapelle muss ausgezeichnet gewesen sein. Haydn experimentierte mit der Symphonie nach Lust und Laune – es blieb ihm, nach eigenen Worten, auch gar nichts anderes übrig in seiner Abgeschiedenheit . „Anima Eterna“ präsentierte mit Nr. 57, D-Dur, eine Symphonie aus dieser „Sturm und Drang“-Phase Haydns. Von Mozart gab es das Klavierkonzert A-Dur, KV 414, aus seiner Wiener Zeit, das Divertimento D-Dur, KV 136, aus Salzburg und eines seiner spätesten Werke, das Klarinettenkonzert, KV 622.
Der relativ kleine Kreis von Zuhörern, der sich in München im Herkulessaal das besondere Ereignis gönnte, konnte gewiss nicht über schlechte Akustik klagen. Die Musik breitete sich deutlich, klar und substanzvoll im Raum aus, nichts wirkte entfernt oder verschwommen. Ein guter Saal, der mit den unterschiedlichsten Besetzungsgrößen fertig wird und sich nur Monsterbesetzungen verweigert. Gerade ein Konzert wie dieses sollte Anlass zum Nachdenken geben, ob nicht ein Ausbau dieses akustisch anerkannt guten Saals Münchens Konzerthaus-Probleme lösen konnte. Mahler, Strauss und Co. können sich dann ja im Gasteig ausbreiten.
Jedenfalls offenbarte der Saal nicht nur den Charme des Anima-Eterna-Konzeptes, sondern auch dessen Probleme: Das Orchester arbeitet projektbezogen, das heißt, es trifft sich nur einige Male im Jahr, um Programme einzustudieren und sie dann auf Tournee aufzuführen. Was in der großen Gruppe kein Problem ist, das kommt in der kleinen Besetzung etwas zu kurz: die Kultur des Zusammenspiels. Sie hervorbringen kann nur regelmäßiges gemeinsames Proben. Originalklang hin oder her: Jedes der in dem Konzert vorgestellten Stücke bietet sich etwa im Spiel der Camerata Salzburg präsenter, packender und sauberer dar. Dass „Anmina Eterna“ dagegen nicht wirklich „eins“ ist bei diesem Projekt, merkte man an den allzu vielen in der Intonation unsauberen Stellen, an der nicht von allen perfekt erarbeiteten Artikulation, an oftmals formelhafter Wiederholung der Motive. Das ließ die Haydn-Symphonie anstatt spritzig-aufgerauht eher eckig und etwas gewollt wirken.
Auch von den Solisten wollte der Funke nicht überspringen. Sicher, der verhalten seidig-dunkle Klang der Bassett-Klarinette im Klarinetten-Konzert Mozarts war eine sehr aparte Facette für dieses bekannte Stück. Aber man hätte sich von der Solistin Lisa Shlyaver mehr Engagement und Wagemut gewünscht, wie man ihn von Künstlern auf modernen Instrumenten kennt. Und Jos van Immerseel, als Solist im Mozart-Klavier-Konzert,  war nicht ganz auf der Höhe seiner Kunst. Wer den ebenso virtuosen wie geschmeidigen Elan im Ohr hat, mit dem Kristian Bezuidenhout die Musik Mozarts am Hammerklavier anpackt, der konnte mit Immerseels schwerfälligem Spiel auf diesem Instrument nicht zufrieden sein.
Aber München macht es den Originalklang-Ensembles nicht leicht. Die Konkurrenz nimmt zu und wird immer erlesener. Die Akademie für Alte Musik nutzt ihre Chance auch an der Isar, Maßstäbe für faszinierendes Spiel auf historischen Instrumenten zu präsentieren; Giardino Armonico zeigte eine ganz eigene Klasse virtuosester Musik-Zubereitung. Anima Eterna hatte möglicherweise einen nicht perfekten Abend. Man sollte sich in Brügge die weitere Strategie auf jeden Fall genau überlegen.

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