Andsnes und Rhode

Musikalische und visuelle Bilder

Leif Ove Andsnes & Robin Rhode touren derzeit mit ihrem Projekt "Pictures reframed" – ein visualisiertes Konzert mit Mussorgskys "Bildern einer Ausstellung" – durch Europa. In Brüssel war der Auftakt. Robert Jungwirth hat das Konzert besucht und mit beiden Künstlern gesprochen
(Brüssel im November 2009) Zwei Hände, zehn Finger spielen auf weißen Kreidestäben, die auf einer schwarzen Unterlage liegen. Mit jedem Ton verändern die Stäbe ihre Position und malen dabei Striche und Formen auf den Untergrund. So bebildert der südafrikanische Video-Künstler Robin Rhode den "Markt von Limoge" aus Modest Mussorgskys berühmten Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung". Der Konzertsaal ist abgedunkelt und auch die Bühne ist bis auf die Klaviatur kaum beleuchtet. Dahinter flimmern auf sechs großen Leinwänden die bewegten Bilder von Robin Rhode. Leif Ove Andsnes spielt davor Mussorgskys Musik mit der ihm eigenen Mischung aus intellektueller Ernsthaftigkeit und empfindungsreicher Tiefe.
Oft sind es grafische Elemente, die Rhode für seine Visualisierung von Mussorgskys Musik verwendet und sie in seinen kurzen Filmen in Bewegung verwandelt. Eine schlichte Bebilderung der musikalischen Vorlage ist seine Arbeit nicht, vielmehr eine sehr freie, ja spielerische Annäherung oder Veränderung. Doch genau das scheint Leif Ove Andsnes an der Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Künstler gereizt zu haben. Andsnes hat Rhode bei einer Ausstellung in München kennengelernt. Davor schon hegte der Pianist den Wunsch, einmal mit einem bildenden Künstler gemeinsam ein musikalisch/bildnerisches Projekt zu gestalten.
"Ich habe Robin getroffen, nachdem ich ganz vage den Wunsch hatte, einmal ein Projekt mit einem Künstler zu machen, um Musik mit einer anderen Kunstform zu kombinieren", erzählt Andsnes im Gespräch nach der Europapremiere von "Pictures reframed" in Brüssel. "Und damals habe ich gerade die "Bilder einer Ausstellung" gespielt und gedacht, vielleicht könnte man das Stück zurück zur bildenden Kunst bringen, von der es ja kommt. Ich habe mir dann viele von Robins Videos angesehen und mochte sie sehr. Und so kam es zur Zusammenarbeit für dieses Projekt."
Bei der Entwicklung des visuellen Ideen haben Rhode und Ansnes eng zusammen gearbeitet, wie Rhode erzählt: "Der Prozess der Zusammenarbeit war sehr komplex, da ich keinen Background in der klassischen Musik hatte. Ich habe also begonnen, das Vokabular der klassischen Musik erst zu verstehen. Und Leif Ove mußte mein visuelles Vokabular ebenfalls erst verstehen. Aber gleichzeitig gab es so etwas wie eine gemeinsame Sprache zwischen uns. Und so war es wichtig, erst mal einen ästhetischen Ausgangspunkt für das Projekt zu schaffen, was ich mit geometrischen Formen für die Promenade versuchte, die aus dem Himmel fallen und zu einer Art abstrakter Landschaft werden. Und dieses abstrakte Formen sind in dem ganzen Zyklus der Bilder einer Ausstellung präsent, werden zu einem ästhetischen Vokabular."
Trotz oder gerade wegen der Originalität von Rhodes Bilderfindungen zu Mussorgskys Musik mag der eine oder andere Zuhörer, bzw. Zuschauer sich fragen, warum beide Künstler für ihr Projekt ausgerechnet eine Musik gewählt haben, die durch ihren thematischen Bezug schon ohne Bebilderung im Zuhörer Assoziationen freisetzt.
"Ein Grund, warum wir uns für Bilder einer Ausstellung entschieden haben ist, weil das Werk ursprünglich von der bildenden Kunst her inspiriert ist. Aber das war nicht der einzige Grund", sagt Andsnes. "Das Stück besteht aus 15 verschiedenen Sätzen innerhalb von 35 Minuten, und ich dachte mir, dass es für einen bildenden Künstler interessant sein könnte, damit zu arbeiten und 15 verschiedene kurze Filme zu kreieren. Es war aber auch wichtig, ein Werk zu wählen, das musikalisch sehr stark ist, auch von der Klangpalette her, denn Video ist ein sehr starkes Medium, und um damit zu konkurrieren, braucht man etwas Packendes."
Manche Bilder von Robin Rhode erstaunen, andere verblüffen, wieder anderes bleibt rätselhaft. Rhode verzichtet auf allzu offensichtliche Assoziationen und regt damit zweifellos zum Nachdenken an. Wie das ganze Projekt beim Publikum durchaus rege Diskussionen auslöst, wie man nach der Europapremiere in Brüssel allenthalben beobachten konnte. Für Andsnes in jedem Fall eine Bestätigung für die Richtigkeit, dieses Projekt gewagt zu haben: "Ich bekomme sehr viele Feeback, weil das Projekt die Menschen sehr beschäftigt, sie haben dezidierte Meinungen darüber in vielerlei Hinsicht. Mehr als in einem normalen Konzert. Das ist sehr interessant, und ich glaube, dass wir das brauchen in der klassischen Musik. Es hat auch mich dazu gebracht, über vieles neu nachzudenken. Über so simple Dinge wie die Beleuchtung. Wir arbeiten hier sehr sorgfältig mit Licht. Vielleicht haben wir mit etwas begonnen, das auch andere inspiriert. Es hat mir gezeigt, dass es durchaus verschiedene Arten gibt, Konzerte zu machen. Es gibt viele Möglichkeiten."
Aber nicht nur die "Bilder einer Ausstellung" werden visualisiert, sondern auch das restliche Programm des Konzertabends, zu dem noch Schumanns Kinderszenen, zwei weitere kleine Klavierstücke Mussorgskys aus den "Erinnerungen an die Kindheit" sowie ein neuen Stücks des Österreichers Thomas Larcher mit dem Titel "Was wird" zählt. In Larchers nicht thematisch ausgerichtetem, über weite Strecken sehr pianistisch-virtuos gestaltetem Werk, das Andsnes innerhalb dieses Programms in den USA uraufführte, wirkt die Kombination mit den bewegten Bildern von Rhode vielleicht am interessantesten und spannendsten, mehr als in den doch oft schon mit eigenen Assoziationen besetzten "Kinderszenen" oder "Bildern".
In jedem Fall ein sehens- und hörenswertes Projekt, das am Ende der "Bilder" auch mit einem wahrhaft überschäumenden filmischen Schlußakzent aufwartet, der aber nicht verraten wird. Selber ansehen und -hören!
Robert Jungwirth
Weitere Termine in Deutschland: 2.12. München, 9.12. Berlin, 20.12. Köln.

 

 



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