Andris Nelsons

Böhmisch-amerikanische Freundschaft

Andris Nelsons Foto: Konzertagentur Schmidt

Der Jansons-Zögling Andris Nelsons dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Dvorak, Ives, Adams und Strawinsky

(München, 3. Dezember 2010) Natürlich enthält Antonin Dvoraks berühmte Symphonie Nr. 9 "Aus der Neuen Welt" trotz gewisser Referenzen an amerikanische Musik (ein Spiritual im ersten, ein Indianertanz im dritten) vor allem Musik der Alten Welt. Auch in dieser letzten, 1893 vollendeten und im gleichen Jahr in New York uraufgeführten Symphonie steckt noch viel Wagner und Berlioz, aber auch Volksmusikalisches aus Dvoraks böhmischer Heimat. Es war das vielleicht Ohrenfälligste der Aufführung durch den 32 Jahre jungen aufstrebenden Dirigenten Andris Nelsons mit dem Symphonieorchester des BR, dass diese volksmusikalischen Teile des Scherzos so wunderbar slawisch beseelt herausgestellt wurden. Dazu bremste Nelsons das Tempo immer wieder vehement ab, um dann mit dem Charme der Verzögerung in den nächsten Tanzrhythmus überzuwechseln. Allein darin offenbarte sich das enorme musikalische Talent dieses erzmusikantischen Dirigenten, der als Orchestermusiker in seiner Heimatstadt Riga seine musikalische Laufbahn begann und als Zögling seines Landsmanns Mariss Jansons (der ebenfalls aus Riga stammt, wie auch Gidon Kremer) eine beachtliche Karriere machte. Seit zwei Jahren ist er Chefdirigent des Birmingham Symphony Orchestras, das einst Simon Rattle zu einem international bekannten Spitzenorchester formte.

Wie stark Nelsons von Jansons geprägt wurde, ist unschwer zu sehen und zu hören. Die Art zu Dirigieren wie auch die Mimik weisen verblüffende Ähnlichkeiten mit Jansons auf, bis hin zum Armeausbreiten beim Schlussapplaus. Beim Klangideal ist es das Zupackende, das Sich-in-die-Musik-Hineinwerfen, was beide eint.
In der Dvorak-Symphonie neigte Nelsons dann aber auch dazu, den Körpereinsatz arg zu forcieren. Manchmal hatte man Sorge, er hüpfe gleich in die Streichergruppe hinein.
Mit vitaler Energie und flexibler Agogik klang der erste Satz, das Largo war innig, aber etwas zerdehnt. Der Schlußsatz wurde dann endgültig zum Showcase mit großer theatralischer Geste im Dirigat wie im klanglichen Ergebnis.

Bemerkenswert, was Nelsons im ersten Teil des Konzerts programmatisch bot: neben Strawinskys "Chant du Rossignol" und John Adams allzu effekthascherische "Slominsky’s Earbox" die noch immer "Unanswered Question" von Charles Ives aus dem Jahr 1935 für Trompete, Flötenquartett und Streicher. Zwar konnte man durchaus Verbindungslinien zwischen den drei Werken ausmachen, dennoch hätten Ives und Strawinsky vollauf genügt. Dass die Streicher bei Ives im Foyer spielten war ein hübscher Einfall, ein bisschen weit weg klang es aber doch. In jedem Fall demonstrierte Nelsons Gestaltungswillen, wenn er einem Schlachtross des Repertoires wie der Neunten Dvorak solche, das gewohnte Terrain verlassende Werke beimischt. Auch Strawinskys wunderbare "Rossignol"-Komposition aus dem Jahr 1917 mit ihren charmant-originellen Chinoiserien und jeder Menge verblüffender Klangzaubereien und zu Herzen gehender Nachtigall-Melodien – der Ballett-Musik liegt ein Märchen von Andersen zugrunde – ließ Nelsons ungemein vielfarbig und plastisch aufblühen (wunderbar die Trompetensoli von Hannes Läubin).
Großer Jubel im Publikum für einen möglichen Nachfolgekandidaten für Mariss Jansons, der aber vielleicht auch noch ein paar Jahre braucht, um wirklich ganz oben anzukommen.

Robert Jungwirth

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