Andris Nelsons Wien

Wille zur Monumentalität

Andris Nelsons Foto: Marco Borggreve

Andris Nelsons überzeugt bei seinem Auftritt mit den Wiener Philharmonikern nur teilweise
Von Christian Gohlke
(Wien, 10. Januar 2016) Dass bei einer Matinee im prachtvollen, traditionssatten Goldenen Saal des Wiener Musikvereins eine Uraufführung vom Publikum beinahe heftiger akklamiert wird als die Sinfonien von Haydn und Beethoven, kommt nicht alle Tage vor. Der 1936 in Budapest geborene Komponist Iván Eröd macht es den Hörern leicht. Auch in seinem neuen Werk, dem Tripelkonzert für drei Klarinetten und Orchester (op. 92), folgt er seiner ästhetischen Haltung, die er einmal als „freundlich gegenüber Interpreten und Zuhörern“ bezeichnete. Seine tonale Komposition, die immer wieder Anleihen bei der Jazzmusik nimmt, folgt dem traditionellen dreisätzigen Schema: schneller Kopfsatz, kantables Andante (sogar eines mit dem Zusatz „molto tranquillo“) und hurtiges  Allegro.
Dass sein abwechslungsreiches, klar struktuiertes Werk vom Publikum mehr als nur freundlich aufgenommen wurde, lag sicher auch an den Solisten, für die Eröd es eigens geschrieben hat. The Clarinotts (Vater Ernst Ottensamer zusammen mit seinen Söhnen Daniel und Andreas) spielten nicht nur technisch virtuos, sondern auch überaus klangschön. Gibt der Komponist den Ottensamers im lyrischen Mittelteil reiche Gelegenheit, über einem feinen Streicherpizzikato ihr warmes, kantables Spiel zu entfalten, so können sie im rasanten, motivisch vielleicht nicht einmal allzu interessanten Rondo-Schluss mit schnellen, rhythmisch oft vertrackten Läufen ihre Brillanz vorführen.
Joseph Haydns B-Dur Symohonie Hob. I:102, uraufgeführt im Jahr 1795 in London, war zu Eröds Stück keine schlechte Einleitung. Vielleicht hätte der Menuett-Satz mit seinen starken Laut-und-Leise-Kontrasten noch ein wenig leichter und beschwingter sein können. Aber wie zärtlich Andris Nelsons und die Wiener Philharmoniker das Adagio gestalteten, war so bemerkenswert wie das übermütige, kecke Presto-Finale. So gelang Nelsons und den Wienern eine hörenswerte Haydn-Interpretation, die einerseits voll Spannung, andererseits voll Anmut war. 
Weniger überzeugte die „Eroica“, die nach der Pause zu hören war. Hier zeichnete Nelsons mit breiterem Pinsel als bei Haydn. Das rasche Tempo, das er zu Beginn anschlug, überzeugte zwar, und auch sein kraftvoller Zugriff passte durchaus zum „Allegro con brio“ des Kopfsatzes.  Aber  in einem leider oft pauschalen Mischklang  ging doch manches Detail unter. Mit dem Trauermarsch wollte Nelsons einen denkbar großen Kontrast zum schnellen Eingang setzen. Er ließ ihn aber so langsam spielen, dass er an Spannung verlor. Der Wille zur Monumentalität, zum großen Ausdruck, zur Erschütterung scheint hier wie auch im rasenden Finale die tatsächliche Wirkung eher behindert als befördert zu haben. Am besten gelang das wunderbar leichte und fast schwerelos dahinhuschende Scherzo mit einem markigen Horn-Trio. Freundlicher Beifall vom rasch davoneilenden Publikum.

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