Andris Nelsons dirigiert Schostakowitsch

Wütender Trotz

Schostakowisch‘ Leningrader Symphonie in aufwühlender Leidenschaftlichkeit.  Die Wiener Philharmoniker eröffnen ihre Salzburger Konzerte unter Andris Nelsons.

Von Derek Weber

(Salzburg, 6. August 2017) Es gibt wohl kaum eine Symphonie in dem an widersprüchlichen und mystifizierenden Deutungen nicht unbedingt armen Repertoire der Werke des Dmitri Schostakowitsch wie seine „Leningrader“. Entstanden in der Zeit der Belagerung und systematischen Aushungerung der Stadt durch die deutschen Truppen, ranken sich viele Mythen um sie, Mythen, an deren Verbreitung verschiedenste Interessen, Parteiungen und der Komponist selbst mitgewirkt haben. Nationales Pathos ist im Spiel, und pathetische Bilder zeigen den unbeugsamen Feuerwehrmann Schostakowitsch 1941 auf dem Dach des Leningrader Konservatoriums.

Erinnern sollte man sich auf jeden Fall an die nach Leningrad zur Aufführung eingeflogenen Musiker und an die aus Leningrad auf Mikrofilmen weggebrachte Partitur, und natürlich an die begeisterte Aufnahme des „heroischen“ Werks im Westen. Man denke nur an Arturo Toscanini.
Das Werk hat seine Geschichte. Und da ist es – angesichts des Riesenaufgebots an Wiener Philharmonikern auf dem Salzburger Podium – vielleicht nützlich, darüber nachzudenken, dass die Symphonie in Leningrad zum ersten Mal während der Belagerung von fünfzehn Musikern gespielt wurde. Es war purer, wütender Trotz, das Werk entgegen allen Widrigkeiten aufzuführen.

Heutzutage hingegen kann einem die Symphonie schon lange werden: Dem Drive des ersten, in manchen Teilen konstruktionsmäßig an Ravels „Bolero“ und in der Melodie an ein bekanntes Operettenlied erinnernden Satzes kann sich wohl niemand entziehen. Das bleibt in Erinnerung, besonders dann, wenn ein befeuernder Dirigent wie Andris Nelsons am Werk ist. Auch der zweite Satz, der wahrscheinlich die Erinnerung an bessere Zeiten anspricht, mag noch „leicht“ zu hören sein. Doch spätestens beim „Adagio“, in dem immer wieder die Annäherung des Komponisten an Gustav Mahler durchscheint, wird es für den Hörer schwierig. Es geht um Trauer, Schmerz und ein großes Quantum Doch-nicht-Aufgeben. Aber um Trauer und Schmerz worüber? Darüber ist viel diskutiert worden. Und die Zahl der Antworten ist nicht klein. Die wahrscheinlichste Version: Offensichtlich ist dies eine sehr umfassende Klage, eine allgemeine Anklage gegen alle Unrechtssysteme, auch gegen die Verbrechen des Stalinismus.

Der Schlusssatz schließlich ergeht sich in einem so gar nicht erleichterten oder ausgelassen sein wollenden Allegro, sondern setzt einen wilden, noch einmal trotzigen Schlusspunkt. Aber wo die Schluss-Apotheose hinzielt, das erfährt der Hörer nicht so ganz genau. Schostakowitsch hat dazu wie immer keine letzte Antwort gegeben. Es geht dabei wohl um eine Art von schwer errungenem Optimismus, dass alles gut ausgehen wird, dass man am Ende die Deutschen und Herrn Stalin und alle anderen bösen Unterdrücker loswerden wird.

Andris Nelsons meistert diese nicht einfache Symphonie klug und mit kraftvollen Akzenten. Dass er im ersten Satz vielleicht ein wenig zu früh die Lautstärkezügel locker lässt, mag man ihm nachsehen. (Immerhin sind ja die faschistischen Invasoren tatsächlich ganz nahe an das Stadtzentrum von Leningrad herangekommen.) Und es war darüber hinaus ein wirkliches Erlebnis, zu hören, dass auch die Wiener Philharmoniker in akustische Grenzbereiche vorstoßen und dabei immer noch eine gute Figur machen können.

Dagegen nahmen sich die perkussiven Eskapaden von Sergej Prokofjews Zweitem Klavierkonzert aus dem Jahr 1913 (da die originalen Noten in den Wirren von Revolution und Flucht verloren gegangen, rekonstruiert 1924) mit dem phänomenalen Daniil Trifonov als Solisten im ersten Teil des Konzerts geradezu gesittet aus. Hier wird das Klavier an manchen Stellen in fast Bartòkscher Manier wie ein Schlaginstrument eingesetzt. Ein showpiece für den Pianisten. Das Orchester tritt dabei nur in der Nebenrolle in Erscheinung. Den Applaus heimst zu Recht der bescheidene Virtuose ein.

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