Andrey Boreyko dirigiert die Münchner Philharmoniker

Mit dem Cembalo über den Styx

Andrey Boreyko Foto: Jenaer Philharmonie

Andrey Boreyko dirigiert die Münchner Philharmoniker mit Brahms, Bartók, Veress und Kantcheli
(München, 11. Oktober 2007) 2003 debütierte der Dirigent Andrey Boreyko mit einem reinen Strawinsky-Programm bravourös bei den Münchner Philharmonikern und wagte auch diesmal im Gasteig ein Konzert jenseits des Mainstreams – mit fast durchweg düsteren Werken zum Thema Gewalt, Tod und Trauer: von Sándor Veress‘ "Threnos" (altgriechisch "Trauer") und Brahms‘ "Nänie" (römischer Klagegesang) über "Styx" von Gija Kancheli bis zur Suite aus Béla Bartóks Ballett "Der wunderbare Mandarin".
Schon der Trauermarsch aus der Feder von Sándor Veress wurde von den Philharmonikern exzellent durchgeformt und in allen seinen Facetten prägnant musiziert, ist er doch auch eine Art Anti-Bolero, der das Steigerungsprinzip dieses Stücks aufbricht und gleichsam ad absurdum führt. Bei Veress jedoch erzeugen ungarischer Volkston und die Verwendung alter Kirchentonarten eine archaische Aura, die unmittelbar und nachhaltig erfahrbar ist. "Nänie" von Johannes Brahms knüpfte hier thematisch an, doch der zutiefst romantische Trost, der aus diesem kaum viertelstündigen Kondensat des Deutschen Requiems spricht und zu Herzen geht, wurde von Boreyko, Orchester und Philharmonischem Chor mit einer so schönen, sanft ausgebreiteten samtenen Intensität dargeboten, dass die Tröstung fast zu Tränen rührte.
Sicher tut man dem Georgier Giya Kancheli Unrecht, wenn man sein halbstündiges Chor-Orchester-Werk "Styx" von 1999, das jetzt seine Münchner Erstaufführung erlebte, mit Brahms vergleicht und doch verblasst ein solches Stück für Viola, Chor und Orchester angesichts der Dichte der "Nänie". Denn einerseits beeindruckt zwar zunächst die phänomenal schön gesungene, intensive Vertonung einzelner, von Kancheli nicht zuletzt aus phonetischen Gründen gewählter emphatischer Worte des Georgischen, ebenso das wiederholte, geradezu animalische Aufbäumen des Orchesters. Aber je mehr diese Eruptionen nach Carl Orff klangen, je mehr Cembalo-Gezirpe und Klavier-Geplänkel den Kontrast dazu bildeten, je privater – in der trauernden Anrufung der verstorbenen Komponisten-Freunde Alfred Schnittke und Awet Terterjan, je konkreter in seiner Natur- und Bibelmetaphorik der Text wurde, desto fragwürdiger erschien das Ganze. Da konnte auch der cantus firmus einer obligaten Bratsche, die die Brücke vom Diesseits zum Jenseits über den Fluß Styx bildete, nicht mehr viel helfen. Sei sie auch noch so wunderbar gespielt wie von Yuri Bashmet, für den das Stück komponiert wurde.
Béla Bartóks "Mandarin" war in diesem Kontext fast ein Fremdkörper, zumal in der auf dem Höhepunkt abbrechenden Version als Konzertsuite, die der Komponist eigentlich nur erstellt hatte, um dem anstößigen Sujet zumindest so ein Weiterleben zu garantieren. Denn die Geschichte vom reichen Chinesen, der beim Besuch eines jungen, zur Prostitution gezwungenen Mädchens ausgeraubt und – erstickt, erstochen und erhängt – immer wieder zum Leben erwacht, bevor die Umarmung des Mädchens ihn schließlich erlöst; diese faszinierende Schauergeschichte hat nur Sinn, wenn der leise Schluss – mit Vokalisen unsichtbarer Menschen – nicht vorenthalten wird. Warum Boreyko also nicht die gerade mal zehn Minuten längere komplette Ballet-Version aufs Programm setzte, obwohl ein Chor an diesem Abend sowieso zur Verfügung stand, ist nicht zu verstehen. Doch dafür entschädigte eine nicht nur brillante, sondern höchst expressive und vielschichtige Interpretation, die einmal mehr offenbarte, wie kühn und zeitgenössisch Bartók heute noch klingt.
Klaus Kalchschmid

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