Andreas Staier

Konzertkritik: Andreas Staier

Gute Geister

Andreas Staier Foto: Josep Molina

Andreas Staier spielt Schumann und Bach in Köln
Von Christoph Zimmermann

(Köln, Ende Oktober 2014) Seit vielen Jahren schon setzt sich Andreas Staier, der „Guru des Hammerklaviers“ (Kai Luehrs-Kaiser), mit dem Schaffen Robert Schumanns auseinander. Seine diesbezüglichen CD-Einspielungen reichen bis in die Mitte der 90er Jahre zurück: Lieder mit Christoph Prégardien sowie das Klavierkonzert unter Philippe Herreweghe. In jüngerer Zeit kamen die Violinsonaten hinzu (Partner: Daniel Sepec) und etliche Folgen von Solostücken (teilweise schon nicht mehr auf dem Markt). Die jüngste Aufnahme vom Februar dieses Jahres bietet ein quasi lebensumspannendes Schumann-Programm: Abegg-Variationen, Fantasiestücke opus 12 und 111 sowie die Geistervariationen. 2008 hatte sich Staier für die Klavierstücke opus 32, Waldszenen, Album für die Jugend und Kinderszenen entschieden. Als Finale wählte er die Klavierstücke in Fughettenform und nannte seine Einspielung „Hommage à Bach“, eine Widmung, wie sie in den Augen des Pianisten längst fällig war. In nächster Zeit ist Andreas Staier viel mit Schumann unterwegs, ergänzt zum einen mit Beethoven und Schubert, zum anderen in Kontrastsetzung mit Bach, dessen Werke er nun aber real einbezieht. So auch zu hören in der Kölner Philharmonie.
Andreas Staier scheint der Erste zu sein, der die Beziehung zwischen den beiden Komponisten derart intensiv beleuchtet und man ist darüber ein wenig verwundert. Immerhin hat sich Schumann Zeit seines Lebens intensiv mit Bach auseinander gesetzt, rund 90% seiner Klavierwerke – so der Pianist – stünden in einem mehr oder weniger intensiven Zusammenhang mit dem Werk des Thomaskantors. Ein Beispiel sind die „Kinderszenen“. Die meisten Sätze werden dem Werktitel gerecht, die rahmenden („Von fremden Ländern und Menschen“, „Der Dichter spricht“) scheinen hingegen nur locker angefügt. Doch sind sie dezidiert auf E.T.A. Hoffmanns „Kreisleriana“ bezogen. Dort erscheint an einer Stelle ein „unbekannter, stattlicher Mann“, in welchem Staier mit den Augen Schumanns unzweifelhaft Bach verkörpert sieht. Nicht von ungefähr wird der Zyklus durch das B-A-C-H-Motiv eröffnet. Andere Verklausulierungen sind nicht ganz so leicht zu entdecken, und manches wird wohl auch Geheimnis des Ehepaares Schumann bleiben.
So glasklare Präludien und Fugen wie die von Bach, so auch die von Andreas Staier gewählten, jeweils ersten aus beiden Bänden des Wohltemperierten Klaviers, hat Schumann natürlich nicht geschrieben. Seine „Stilkopien“ sind mehr andeutender Art, häufig in mystische Zahlenspiele eingesponnen. Wenn der Komponist zu seiner Frau Clara über ein Werk sagt „In diesem Stück ist sehr viel von dir“ wird einem zwar vage auf die Sprünge geholfen, viel Privates bleibt aber nahezu unentschlüsselbar.
In Köln spielte Andreas Staier die Werke seiner Schumann-CD, deren Ausdrucksspektrum von stürmisch bis kontemplativ reicht. Wie im Aufnahmestudio nutzte der Künstler auch in der Philharmonie einen Erard-Flügel von 1837, dessen besondere Farben Staier offenkundig liebt, auch wenn sie sich nicht ganz so wohlfeil darbieten wie die eines modernen Klaviers. In diesem Punkt gibt es ja nach wie vor Parteienstreit. Alfred Brendel beispielsweise akzeptiert zwar gerade noch das Cembalo, sieht in dem Hammerflügel jedoch ein „kastriertes Klavier“. Das Erard-Instrument klingt nun freilich nicht so trocken oder gar dröge wie manch andere. Außerdem bekam Staier mit seinem hier markanten, dort zart-lyrischen Anschlag das Instrument trefflich in den Griff (etwas zu viel Pedal allerdings in „Des Abends“).
Besonderes Interesse des Publikums dürfte den Geister-Variationen gegolten haben. Schumann empfand die aus ihm quellende Musik von den Engeln geschickt, mit Schubert und Mendelssohn in ihrer Mitte. Während der Niederschrift kam es zu dem bekannten Suizid-Versuch, welcher die Einweisung in die Heilanstalt Bonn-Endenich zur Folge hatte. Aus den Geister-Variationen spricht aber kaum ein verwirrter Geist, ältere Musikstücke klingen oft bizarrer. Und auch sie sollte man nicht voreilig vom zerrütteten Gesundheitszustand Schumanns her erklären wollen. Die Musik der Variationen klingt über weite Strecken akkordisch mild, sogar ausgesprochen friedfertig, fast wie ein ruhiger Abschied von dieser Welt. Andreas Staier machte die schöne Schmerzlichkeit der Musik hörbar, ohne sie emotional zu zerfasern.

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