Andras Schiff

Temperamentvoller Bartok

András Schiff Foto: Nadia F. Romanini / ECM Records

András Schiff und das Chamber Orchestra of Europe mit Werken von Bach, Brahms und Bartok zu Gast in Köln
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 10. April 2017) Operntheater und Konzerthäuser sind aus gutem Grund verstärkt dazu übergegangen, ihre Besucher vor einer Vorstellung darauf hinzuweisen, dass Ton- und Bildaufnahmen nicht gestattet sind und man doch auch bitte darauf achten möge, dass Mobiltelefone ausgeschaltet sind. Die Kölner Philharmonie führt die häufigsten Störfaktoren regelmäßig im Programmheft auf und stellt vor einer Veranstaltung auch kostenlos Hustenbonbons und Stofftücher zur Verfügung. Besucher mit digitalen Fotoapparaten werden vom Saalteam höflich, aber energisch in die Schranken gewiesen.
Solche Maßnahmen dienen natürlich primär dem „Schutz“ der Künstler, besonders bei Gelegenheit von Soloauftritten. Ein Alfred Brendel reagierte dennoch erfahrenes Leid nachträglich in satirischen Gedichten ab, sein Kollege András Schiff ging vor einiger Zeit abrupt von der Bühne ab. Vor dem jetzigen Auftritt mit dem Chamber Orchestra of Europe ließ es sich der Intendant des Hauses nicht nehmen, vor dem Erscheinen der Musiker mahnende Worte an das Publikum zu richten und auch darum zu bitten, die Musikstücke des ersten Programmteils nicht durch Beifall zu unterbrechen.
Dass die für diesen Abend gewählten Komponisten ein BBB-Programm ergaben, war vermutlich mehr Zufall als Absicht. Der Kontrast von zwei Richercars aus der Feder Johann Sebastian Bachs zu der musikantisch lockeren „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ von Béla Bartók und dem romantisch schwelgerischen, aber kapriziös verklingenden zweiten Klavierkonzert von Johannes Brahms hatte indes konzeptionelles Gewicht. Dies umso mehr, als aus der 13-teiligen Sammlung des „Musikalischen Opfers“ die Nummer eins (Ricercar a 3) in der Fassung für ein Tasteninstrument erklang, Nummer zwei (Ricercar a 6) hingegen mit Streichern (für dieses Stück existiert keine authentische Besetzungsangabe). Die polyphone Struktur der Werke wurde durch solche Klangwechsel nachdrücklich beleuchtet.
Die Interpretation von András Schiff musste jedoch befremden. Der Pianist spielte auf einem im Orchester platzierten Flügel (welcher später auch für Bartók diente), was er sicher nicht als Kompromiss verstand, eher wohl als ein Unterstreichen des Musizierprinzips „primus inter pares“. Auch ohne den extrem ausgetüftelten Anschlag von Grigory Sokolv in seinem Konzert zwei Tage zuvor als Vergleich heran zu ziehen, wirkte Schiffs Wiedergabe verschwommen, im Bass fast ein wenig stolprig und ohne die Aura, die der doch ausnehmend Bach-versierte Künstler üblicherweise zu imaginieren versteht und dies am gleichen Abend bei dem zugegebenen Introduktionssatz aus dem Italienischen Konzert auch tat.
Es soll nicht versucht werden, diese Irritation aufzulösen – man käme ins Spekulieren. Besser die Konzentration auf das zweite Ricercar, dessen leicht spröder Tonfall (Non-Vibrato!) und heikle Polyphonie ohnehin besonders starke Aufmerksamkeit beanspruchte. Dem Klangergebnis kam durchaus zugute, dass die Orchestersolisten an ihren Plätzen inmitten des Klangkörpers spielten, so dass sich eine verstärkte Raumwirkung einstellte.
Vor knapp zwei Jahrzehnten gründete András Schiff die Cappella Andrea Barca, mit der er in besonders freundschaftlicher Weise kommuniziert. Auch das Chamber Orchestra of Europe gehört zu den von ihm besonders geschätzten Ensembles. Bei Bartóks nicht nur rhythmisch einigermaßen vertrackter „Musik“ käme selbst dieser mit allen Wassern gewaschene Klangkörper ohne feste Dirigierhand vermutlich ins Schwimmen. Aber Schiff, der üblicherweise vom Klavier aus Einsätze gibt, war bei diesem Werk exklusiv als Dirigent tätig und erwies sich als nicht nur sicher steuernder, sondern auch sehr befeuernder, temperamentvoller Pultmaestro. Im zweiten Satz (Allegro) fuhr ihm die Musik seines Landsmannes so sehr in den Körper, dass er die raschen Paukenschläge an einigen Stellen mit den Händen imitierte.
Beim B-Dur-Konzert von Brahms wirkte Schiffs Erregung dann wieder etwas gedämpfter. Der Höhepunkt seiner Interpretation lag fraglos im Andante-Satz mit seinen schwärmerischen Lyrismen, wie von Cello und Oboe in wunderbar sanfter Tönung angestimmt. Im Finale wirkte die Lockerheit des gemeinsamen Musizierens als pures, weltabgehobenes Glück. Mit besonderem Nachdruck sei hervorgehoben, wie das Orchester in seiner großen Besetzung auch ohne wirklich definitive Leitung das Werk mit vorbildlicher Präzision und glutvollem Impetus absolvierte.
Zuletzt eine Überraschung der besonderen Art: das COE als Chor. Man sang – vortrefflich übrigens – „Am Donaustrande“ aus den „Liebesliederwalzern“ von Brahms. András Schiffs Lächeln sah man an, dass er diesen Clou selber schelmisch genoss.



Münchner Philharmoniker


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.