András Schiff und das Jerusalem Quartet

Jerusalem Quartet Foto Felix Broede

Tremoloeruptionen

András Schiff und das Jerusalem Quartet zu Gast in Köln

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 22. Mai 2017) Dass Künstler, die gerne solistisch oder mit Orchester musizieren, sich in ein Kammermusikensemble einfügen, ist sicher nichts Außergewöhnliches, im Falle von András Schiff aber wohl ein Akt von besonderer Überzeugung. Befragt, wie er die Rolle von Solist und Dirigent unter einen Hut bringe, meinte der ungarische Pianist vor Kurzem in einem Interview: „Während des Klavierspiels betrachte ich das Ganze als Kammermusik, und da braucht man wirklich nicht zu dirigieren, sondern nur gut aufeinander zu hören.“

Bei seinen Konzerten mit dem Jerusalem Quartet, die seit 2016 (zwanzigjähriges Bestehen des Ensembles) kontinuierlich mit dem gleichen Programm stattfinden, überlässt er den ersten Auftritt zunächst allein den Streicherkollegen, und zwar mit Franz Schuberts Quartettsatz c-Moll. Dieses Fragment läßt wie auch die „unvollendete“ Sinfonie natürlich nach Gründen für den Abbruch fahnden. Es wurden auch Versuche gestartet, die Werke auf Basis von Rudimentärskizzen zu vervollständigen. Ehrenwerter Ehrgeiz – aber die Musikwelt hat sich mit der Ist-Form der Musik bestens eingerichtet, ein wirklicher „Verlust“ wird kaum noch empfunden.

Schuberts Quartettsatz schreitet ja auch trotz Kürze musikalisch eine ganze Welt ab, zwischen wilden Tremoloeruptionen und ätherischer Melodiensüße. Diesen Kosmos schöpfte das überaus homogen spielende Jerusalem Quartet voll aus. Besonders beeindruckten die raumfüllenden Pizzicati des Cellisten.

Zu den besonders tragischen Musikerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts gehört der Pole Mieczyslaw Weinberg. Wegen seiner jüdischen Wurzeln von den Nationalsozialisten verfolgt (die Familie des Komponisten wurde ermordet), geriet er nach dem Krieg – als Flüchtling in Moskau lebend – ins Visier der KPdSU. Eine Verhaftung im Jahre 1953 währte glücklicherweise nicht lange, wohl wegen Stalins Tod. Musiksprachlich war gleichwohl Anpassung erforderlich, wie auch bei Dmitri Schostakowitsch, seinem Mentor. Dessen Fähigkeit zu ironischen Zwischentönen war Weinberg nicht gegeben. Er fühlte sich regelrecht getrieben, dem Leiden der Menschen (also nicht nur dem eigenen) musikalisch Ausdruck zu verleihen. In dem 1944 geschriebenen Klavierquintett op. 18 wird das besonders deutlich am Schluss, wenn das zunächst tänzerisch belebte Allegro agitato mit melancholischen, dämmernden Pianissimotakten ausklingt.

Es ist vorstellbar, dass András Schiff sich für dieses Werk nicht nur wegen seiner immensen musikalischen Bandbreite engagiert, sondern auch aufgrund seiner politischen Einstellung, welche ihn ja beispielsweise dazu bewog, dass er angesichts der Verhältnisse in seinem Heimatland dortselbst nicht mehr auftritt. Wird etwas in seine Interpretation hinein geheimnisst, wenn man die Ton- und Akkordrepetitionen des Finalsatzes als besonders scharfkantig artikuliert zu hören glaubt? Auch das klanglich subtil aufeinander abgestimmte Jerusalem Quartet bewegte sich leidenschaftlich zwischen Ausdrucksextremen: zart gewebte Klangteppiche in der Introduktion, tiefenscharfe Unisoni im Largo.

Dass man das Klavierquintett f-Moll opus 34 von Johannes Brahms einmal als „über alle Maaßen schön“ empfinden würde, war angesichts seines Entstehungsprozesses keineswegs absehbar. Erst nach zwei Umarbeitungen kam es zur Endgestalt, wo musikalisches Gefühl und kompositorische Form nach Meinung von Freunden endlich zu überzeugendem Einklang fanden. Ein Rest an „Ringen“ scheint dem Werk aber auch jetzt noch innezuwohnen. Es war ein besonderes Merkmal der Interpretation von András Schiff und dem Jerusalem Quartet, dass das „schön“ nicht selbstzweckhaft ausgelegt wurde, sondern auch Schroffheiten der Musik hörbar blieben.

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