András Schiff komponiert ein Programm in Neumarkt

Gespräche zwischen Komponisten

András Schiff beeindruckt im Neumarkter Reitstadel mit einem ineinander verwobenen Programm aus Fantasien und Intermezzi

Von Bernhard Malkmus

(Neumarkt, 18. Februar 2018) András Schiff ist der Philologe des zeitgenössischen Klavierspiels – einer, der sich in Archivmaterial versenkt, Notenausgaben vergleicht, die Aufführungspraxis studiert. Er tut dies um seine Imaginationskraft zu schulen. Er versetzt sich in die Gespräche, welche die Komponisten mit ihren Wahlverwandten der Tradition führten. Er erspürt Wasseradern, über die sich die Musikgeschichte unterirdisch Lebensenergie zuführt. Er klärt Familiengeschichten und Genealogien ab. In seinen Soloprogrammen lässt er uns teilhaben an dieser philologischen Erfahrung.

Jetzt war András Schiff zu Gast im Reitstadel im oberpfälzischen Neumarkt, diesem Kleinod unter den deutschen Kammermusiksälen. Klanglich genau auf die Abmischung zwischen Intimität und Öffentlichkeit, zwischen Askese und Pathos ausgelegt, die Schiffs Spiel einfordert, ist der Saal seiner Art zu spielen auf den Leib geschnitten. András Schiff kommt gerne und oft hierher.

Diesmal lässt er die Zuhörer teilhaben an einem Familiengespräch zwischen Geschwistern, welche die Sonatenform bereits so verinnerlicht haben, dass sie sie nurmehr zitieren im freien Spiel von Fantasien, Capriccios und Intermezzi. Diese Begriffe bleiben bewusst ungenau und zeugen vom Bedürfnis, mit dem Formenschatz und Vokabular der Tradition neue Experimente zu wagen. Passender wäre hier eigentlich der Begriff der Arabeske. In Anlehnung an die Frühromantik hatte E.T.A. Hoffmann die Arabeske als „Verschlingung“ fantastischer Figuren und Dinge aufgefasst – als die literarische Kunst, etwas zu umschreiben und gleichzeitig umzuschreiben. Die Arabesken von Mendelssohn-Bartholdy, Beethoven, Brahms, die Schiff an diesem klaren Wintervormittag zu Gehör bringt, zeugen eben von dieser Fähigkeit der romantischen Tradition, sich in immer neuen Metamorphosen umzuschreiben – und so, wie dies etwa Friedrich Schlegel der Arabeske zuschrieb, auf den Punkt der Selbstreflexion hinzutreiben.

Auch Beethovens zweisätzige Sonate 24 in Fis-Dur, op. 78 (À Therese) wird in diesem Zusammenhang ausgedeutet: als lyrische Abkehr vom heroischen Stil, die auch andere Werke um 1809 prägen, wie die Klavierfantasie op. 77.
Dass nun Schiff genau beim abgeklärten Weben an diesem Arabeskenteppich und in dieser Kapelle der Kammermusik das erste Stück – Mendelssohns Fantasie in fis-Moll, op. 28 – im Allegro unterbricht, entbehrt nicht der Ironie. Was war geschehen? Vermutlich ein Foto-Journalist eines Lokalblatts, der weder mit Schiffs bedingungslos kontemplativer Aufführungspraxis vertraut war noch die Verbotshinweise im Programmheft gelesen hatte, trat ans Podium und wollte Schiff fotografieren. Dieser unterbricht sofort sein Spiel und schleudert ihm ein „Sind Sie verrückt geworden!“ entgegen. Dieser kurze Moment der – im wörtlichen Sinne – Ent-geisterung spricht Bände. Herausgerissen aus der Versenkung, fasst sich Schiff rasch und spricht über die entgeisterte Bilderbesessenheit unserer Tage: „Das tötet die Kunst.“

In Zeiten der Verlifestylung der Klassik und der Verkümmerung musikalischer Kompetenz fordert Schiff unbeirrt eine Geisteshaltung der Zugewandtheit ein – die Fähigkeit, genau zuzuhören und sich hinzugeben. Gegen die Verlockungen der Lounges im Konzertbetrieb winkt er uns in den kleinen interkonfessionellen Besinnungsraum und nimmt uns mit auf eine Reise nach innen. Aber diese Reise gestaltet er nicht als pietistische Innerlichkeit, sondern als ein aufregendes, zutiefst anrührendes Gespräch. Tradition ist hier entspannter Gedankenaustausch. Wir sind Zeugen und Gesprächspartner zugleich. Ein wenig wie in den Berliner Salons um 1800.

Schiff spielt immer häufiger das Programm jeder Konzerthälfte nahtlos durch. Überhaupt hat er den Übergang zwischen einzelnen Sätzen und Stücken zu einer minimalistischen Geste verschlankt, bei der die Finger auf der Tastatur nur kurz „Atem holen“, bevor das Gespräch in einer anderen Stimmung fortgesetzt wird. Das funktioniert nicht immer, aber bei diesem Programm passen Form und Inhalt hervorragend zusammen. Wie sich der filigranen Souveränität und dem kontrastreichen Modulationsreichtum der Beethoven-Sonate das erste Capriccio von Brahms Acht Klavierstücken, op. 76, mit seinen ineinander verschränkten auf- und absteigenden Figuren, entwindet, lässt den Atem stocken.

Und wie schließlich Schiff in die deep time der Musikgeschichte lauscht, und das Präludium der sechsten Englischen Suite von Bach mit unerwarteter Folgerichtigkeit aus Brahms späten Sieben Fantasien, op. 116, perlen lässt, ist ein unwiederbringlicher Glücksmoment. Die Hinführung dieser späten Fantasien mit ihren impressionistischen Verschattungen auf die formvollendete letzte Englische Suite ist nicht ohne Risiko. Schiff nimmt sich damit die Möglichkeit, Brahms‘ emotionale Erregbarkeit in ihrer Weite auszuschreiten und konzentriert sich ganz auf die schillernde Kunst der Modulation, des Stimmungsgesprächs. Dass er die abschließende Gigue als mitreißenden rituellen Tanz inszeniert und dann – völlig unerwartet – am Ende in eine völlig offene Frage umformuliert, zeigt, dass sein subtiler Anschlag den Anforderungen dieser „geistigen Technik“ (Clara Schumann) jederzeit gewachsen ist. Mitten in einer Gigue liegt das Samenkorn für eine Nocturne.

András Schiff – einer der großen musikalischen Aufklärer unserer Zeit, der auch der spirituellen Dimension der Musik eine Tür offenhält. Im Mai spielt er mit Jörg Widmann für ECM im Reitstadel die Klarinettensonaten von Brahms ein.

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