Alexei Volodin

Des Zaubers beraubt

Alexei Volodin Foto: Volker Jacobi

Alexei Volodin enttäuschte in München mit Beethoven und Chopin

(München, 19. Oktober 2010) Es ist nicht so, dass der Münchner Kammermusikpapst Georg Hörtnagel mit der Einladung Alexei Volodins in den Herkulessaal der Residenz völlig daneben gegriffen hätte. Volodin ist ein technisch perfekter Pianist. Ein Abend mit zwei späten Beethoven-Sonaten und sämtlichen Chopin-Préludes op. 28 kostet ihn kaum eine Schweißperle. Seine Fähigkeit, Mittel- und Nebenstimmen plastisch herauszuarbeiten, ist staunenswert. Wiewohl er durchaus mit der pianistischen Pranke zuhauen kann, ist er zudem ein eher maßvoller Musiker, dem viel an der Struktur gelegen ist. Rachmaninoff hätte er sicherlich wunderbar ausleuchten können, auch Skrjabin, vielleicht sogar Brahms. Warum aber mussten es gerade Chopin und später Beethoven sein?

Volodin blieb diese Antwort schuldig. Beethovens 30. Sonate op. 109 war eine einzige Enttäuschung. Wie kann man den abschließenden Variationensatz – wohl eine der schönsten Erfindungen Beethovens für das Klavier – nur so verschenken? Schon das Thema kam viel zu kristallin scharf daher – gesangvoll hatte Beethoven eigentlich über den Satz geschrieben. Die Variationen schließlich litten unter allzu viel unmotivierten Rubati, die dem Satz den Zusammenhalt raubten. Und am Schluss stand ein billiger Theatereffekt: Da ihm die Wiederkehr des schlichten Themas – nach all den Variationen, die das Ausgangsmaterial bis hin zum reinen Klang auflösen, eigentlich ein magischer Moment –  nicht zum Ereignis wurde, griff Volodin in den bewährten Werkzeugkasten musikalischer Bluffs und hielt den vorletzten Akkord eine gefühlte Ewigkeit aus, bevor er endlich den Schlussakkord folgen ließ. Einigen Beifall erntete er dafür, Begeisterung nicht.

Etwas mehr entgegen kam ihm Beethovens vorletzte Sonate in As-Dur op. 110. Während auch hier Volodos in den ersten beiden Sätzen noch nicht viel Berichtenswertes bot, ließ der letzte Satz, der – architektonisch verwegen – ein trauerschwarzes Adagio mit einer Fuge verschweißt, doch zumindest aufhorchen: Im "Arioso dolente" widersetzte sich Volodin der Versuchung, Beethovens Schmerz noch eins draufzusetzen und konfrontierte lediglich mit der Tristesse dieser Musik, bevor er die zweiteilig gebaute Fuge in größter Transparenz auffächerte: Die Rückkehr des Originalthemas in der abschließenden Inversionsfuge ließ er in seltener Deutlichkeit hörbar werden. Zumindest interessant war das, wenn auch nicht wirklich fesselnd.

Und es war auch schon der Höhepunkt des Abends. Denn mit dem Kosmos von Chopins 24 Préludes war Volodin überfordert. Technisch freilich nicht, da gelang ihm fast alles, auch die kompliziertesten Läufe, auch das vorüberfegende Grollen der Nummer 14, auch die riesigen Sprünge der Nummer 16. Meist aber war er, wenn es schnell sein sollte, zu schnell, und wenn es langsam zugehen sollte, nicht langsam genug. Lapidar klangen so diese Miniaturen, die doch jede für sich eine Welt aufbauen. Die chromatischen Modulationen der Nummer vier, die schwermütig klagend ins Herz des Zuhörers zielen, zogen fast unmerklich vorbei, die Mazurka der Nummer sieben war des Zaubers, der in ihrer Schlichtheit liegt, beraubt. Und das Ende enttäuschte ganz besonders: Die letzten drei Schläge des d-Moll-Préludes, düstere Schicksals-Schläge im tiefen Register, klangen nach dem vorausgehenden, völlig überhetzten Virtuosen-Getöse wie ein Verlegenheitsschluss, zu dem Chopin nichts Besseres eingefallen ist. Die Welt des enigmatisch Düsteren scheint Volodin (noch) verschlossen. Warum aber möchte er sie dann vor unseren Ohren durchschreiten?

Markus Schäfert

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