Alceste Lyon

Sachte Katastrophenmusik

Foto: Jean-Louis Fernandez

Von der Schwierigkeit, Christoph Willibald Gluck gerecht zu werden: Alex Ollé von "La Fura dels Baus“ inszeniert in Lyon „Alceste“
Von Derek Weber

 (Lyon, 2. Mai 2017) Erdbeben, Sturmfluten, im Chaos hochkommende verheerende Führer, Kriege. All das befördert im Menschen vor allem eines: Angst, eine aus den Fugen geratene Welt nicht mehr steuern zu können. Das Unberechenbare zieht uns halt immer hinan, jagt uns Schauer über den Rücken.
Diese Furcht  gab es schon immer bei denen, die allzu lange im Sicheren lebten, zumal im alten Griechenland, ebenso in der Epoche, die der französischen Revolution voranging, und in der das unter der Oberfläche des Feudalismus brodelnde Chaos spürbar wurde. Damals wuchs neben der Sehnsucht nach einer heilen Welt auch die Furcht vor der Unberechenbarkeit von Entwicklungen, die sich ohne das Zutun der Menschen  – gleichsam über sie hinweg – Bahn brechen könnten. Antike Tragödien standen daher im 18. Jahrhundert hoch im Kurs. Und da Christoph Willibald Gluck einige von ihnen – unter ihnen die "Iphigenien"-Dramen " – vertonte, sprang das Interesse auch auf die Opernbühne über.
Und darum gibt es heute, in Zeiten neuer Unsicherheiten, auch den Nährboden für eine gewisse Gluck-Renaissance. Lange hat man diesen großen Komponisten ignoriert und ihn als naiven Arienschreiber verunglimpft, der eben zufällig auch ein "großer Opernreformator" gewesen sei. Das Repertoire der Opernhäuser sprach eine andere Sprache. Heute beginnt man ihn wieder zu verstehen. Auch die Oper in Lyon hat diese Chance ergriffen und spielt nun mit Glucks "Alceste" eine seiner großen Reformopern. Die Oper fußt auf Motiven der antiken Alkestis-Sage, der auch Euripides‘ gleichnamiges Drama entnommen ist. Berühmt geworden ist das Stück vor allem durch das von Glucks Librettisten Ranieri de Calzabigi verfasste Vorwort, in dem die essentials der Gluck’schen Opernreform zusammengefasst sind, die man am besten in Calzabigis eigenen Worten als Suche nach der "einfachen Schönheit" und als Überwindung des gekünstelten Stils der virtuosen Barockoper bezeichnen kann.
Dieser neue Ton ist bei Gluck vom ersten Takt der Ouvertüre der französischen Fassung von 1767 an hörbar, die ein Jahrzehnt nach der Wiener Uraufführung entstand und nun in Lyon der Oper vorangestellt ist. In Wien fiel das Werk damals durch, im fortgeschritteneren, kulturell und gesellschaftlich "reiferen" Pariser Milieu fand sie ihre Anhänger.
In Lyon wird dem Vorspiel ein Film unterlegt, der die (hypothetische) Vorgeschichte der Tragödie für moderne Menschen erzählt. Bei einem von Alceste verursachten Autounfall wird wird ihr Mann (Admet) beinahe getötet, und fällt ins Koma, einem Zustand zwischen Leben und Tod. Auch Alceste überlebt, erleidet aber einen Schock und verfällt in einen Trancezustand, der sich darin äußert, dass sie von der Vorstellung gefangen ist, an Stelle Admets sterben zu wollen. Dieser doppelte Dämmerzustand zweier Personen am Rande des Todes wird nachverfolgt, immer wieder aber durchbrochen durch mehr oder wenige banale Rituale wie Beileidsbezeugungen der Angehörigen, Feuerspielchen des Oberpriesters, Auftritte Appolos und das Erscheinen von Herkules.
Es sind also, anders ausgedrückt, in dieser von Alex Ollé von "La Fura dels Baus" erarbeiteten Regieversion nicht mehr die selbständigen Entscheidungen der Protagonisten, welche die Handlung motivieren und weitertragen, sondern eine Mischung aus psychologischen Mechanismen und Hypothesen und – quasi als Nebenkommentar die (vorhersehbaren) Verhaltensweisen der Umgebung der beiden vom Unglück Betroffenen. Das hat Regie-Längen und etliche Leerläufe auf der Bühne zur Folge.
Ollé hat sich einen – zugegebenermaßen nicht einfachen Weg – durch das Stück ausgesucht. Und vielleicht fallen dabei die Mühen der konsistenten Darstellung  auch deshalb stärker auf, weil das Bühnengeschehen in der musikalischen Umsetzung wenig Stütze findet. Diese verliert sich – angeleitet von Stefano Montanari – immer wieder in einem eleganten, aber unverbindlich bleibenden Konversations-Ton, dem allzu oft die Kanten fehlen und der erst am Ende zu einer verbindlicheren Aussage findet. Das hält dem Vergleich mit – um nur ein Beispiel zu benennen – dem behenden Tiefgang, den Diego Fasolis vor einiger Zeit bei der Salzburger "Iphigénie" erzielte, nicht stand.
Nichts Negatives zu berichten gibt’s hingegen über die Sänger. Julien Behr verstand seinen kultivierten Tenor als Admet in allen Situationen zwischen Verzweiflung und Resignation changierend gut in Szene zu setzen. Karine Deshayes verlieh der Titelrolle starke Präsenz, auch wenn sie in den Acuti zu forcierten Schärfen neigte. Auch die Bässe (Alexandre Duhamel als Oberpriester und Thibault De Damas als Herkules) waren exzellent besetzt; dazu kam der Bariton-Apollo von Tomislav Lavoie.
Was bleibt als Resümee? Der schlichte Tonfall und die geradlinige Dramatizität der Gluck’schen Musik sind nicht leicht zu treffen. Das schreibt man wohl am besten dem Fehlen einer einigermaßen gesicherten Tradition der Interpretation zu. Im Fall der Lyoneser "Alceste" kann man fast von einer "französischen Krankheit" sprechen, die auf die Auffassungen bezüglich der Barockmusik zurückgeht, wie sie in der vorletzten Jahrhundertwende Gang und Gäbe waren. Das Pendant zur Schnörkellosigkeit aber muß, darf und kann nicht "Unverbindlichkeit" heißen, auch wenn der Dirigent es sicher nicht so gemeint haben wird.



Münchner Philharmoniker


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