Die Geschichte des Kommunismus

Foto: Stephen Cummiskey

Nonos "Al gran sole carico d'amore" in der Regie von Katie Michell mit Ingo Metzmacher am Pult der Wiener Philharmoniker in Salzburg

(Salzburg, 2. August 2009) "Azione scenica" nennt Luigi Nono sein höchst anspruchsvolle Musiktheaterstück "Al gran sole carico d'amore", das keine Handlung kennt, kaum agierende Personen, keine Angaben zu Bühne oder Schauplatz. Vielmehr ist der Text eine Collage aus historischen wie fiktionalen Texten zu Schlüsselereignissen in der Geschichte des Kommunismus von der Pariser Kommune 1871 bis zum Vietnamkrieg in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Bei der Uraufführung 1975 in Mailand unter Claudio Abbado mündete das Stück also in der Gegenwart. Heute, fast 35 Jahre später und 20 Jahre nach dem Fall der Mauer hat zwar die ebenso komplexe wie emphatische Musik keinerlei Patina angesetzt, wohl aber ist der Kommunismus so gut wie Geschichte geworden.

Ingo Metzmacher, Regisseurin Katie Mitchell und Vicki Mortimer (Bühnenbild und Kostüme) haben für die Felsenreitschule (deren Nischen verkleidet sind) ein Konzept entworfen, das die Musik auf die Bühne holt: Nur die Streicher sitzen vor Metzmacher im (hochgefahrenen) Orchestergraben, rechts kommen Harfe und Marimbaphon hinzu, links steigen die Holz- und Blechbläser wie in einer Welle an. Das umfangreiche Schlagwerk, das keine Tonhöhen kennt (also vor allem Fellinstrumente ist ganz links erhöht an der Wand platziert. Auf der rechten Hälfte der Bühne hinten unter einer riesigen Leinwand (dick wie ein Buch und um die Ecke gewölbt) sitzen die Chöre. Links davon sind realistische Filmsets aufgebaut mit fünf Innenräumen. Denn Katie Michell stellt die fünf Frauen, deren Text das Libretto dominieren, in den Mittelpunkt ihrer filmischen Inszenierung: Louise Michel (1830-1095), Tania Bunke (1937-1967) sind es im ersten, drei sind es im zweiten Teil: "Die Mutter" aus Brecht/Gorkis gleichnamiger Novelle/Stück, die Prostituierte Deola im Turin der 40er Jahre aus den Gedichten Paveses und eine Mutter 10 Jahre später, während der Turbulenzen bei den Streiks in den Turiner Fiat-Werken.

Foto: Stephen Cummiskey

Es ist eine bestechende Idee und technisch furios gelungen, den Focus auf die Wut und den Schmerz dieser Frauen zu richten, die sich für die Ideale eines Kampfes für eine gerechtere Welt geopfert haben, und das Agieren in ihren Rückzugsräumen in einem virtuos geschnittenen, jeden Abend live aufgenommenem Film zu zeigen (Director of Photography: Leo Warner, Live-Kamera: Sebastian Pircher). Doch leider geschieht das gänzlich historisierend, sieht es auf der gespachtelten Leinwand wie ein grobkörniger gealteter Film aus, der von Schwarzweiß zu Farbe wechselt und umgekehrt. Immer wieder suggerieren vertikale Kratzspuren, daß eine alte Filmkopie schon unzählige Male vorgeführt wurde.

Was man sieht, sind teilweise wiederkehrende Handlungen wie Kerzenanzünden, Schreiben, Briefe verbrennen, Sich waschen, ein Gewehr mit Pulver füllen, ein Gesicht vor dem Fenster, wenn draußen Schnee fällt, oder vor Kaminfeuer. Natürlich spielt das Rot des Kommunismus eine große Rolle: als Nelke, als Rose, als blutig geschnittene Wunden, im Topf rot gefärbte und nass aufgehängte Flaggen, weshalb schön symbolisch das Rot wie Blut tropfen kann. Zwischendurch sind einzelne Sätze der Texte oder Zusammenfassungen der geschichtlichen Ereignisse auf die Rückwand der Felsenreitschule projiziert, erscheinen Namen samt Geburts- und Todesdatum auf der Leinwand. Doch all das erklärt weder die Bilder noch helfen umgekehrt die Bilder beim Hören.

Warum sieht das alles nach verblasster Historie aus oder als wäre es in den 70er Jahren als Streifen über ein sozialkritisches Stück à la Gerhard Hauptmann inszeniert worden. Warum wird alles geglättet und in die Vergangenheit gerückt, was im Orchester so aufregend und immer noch modern sich schichtet und von vier Solo-Sopranen in Stratosphärenhöhen nebst grandiosen Chören so grandios musikalisch transportiert wird? Warum werden Stummfilme zum Thema à la Eisenstein ("Panzerkreuzer Potemkin" 1925, "Oktober" 1928) und Pudowkin ("Die Mutter" 1926) oder etwa Dokumentarmaterial zum Vietnamkrieg und zur kubanischen Revolution ausgeblendet, "um das Andenken dieser Frauen zu ehren, die sich und ihr Leben geopfert haben", wie die Regisseurin sagt? Deshalb zeigt sie wohl auch die vier Soprane als seltsam elegant gekleidete Museumswärterinnen, die sich hinter beleuchteten Schaukästen weiße Handschuhe anziehen und die Reliquien der Revolution (Uhren, Brille, Pistole) dem geneigten Festspielpublikum präsentieren!

Leider ist das alles nicht abendfüllend, nimmt dem Stück fast alles von seiner Brisanz und lenkt den Zuschauer durch die Beobachtung der Leinwand und des "Making of" massiv vom Hören ab. Dabei ist die Produktion musikalisch faszinierend, obwohl der Solo-Sopran I (Kerstin Avemo) in der Probenzeit ausfiel und der Part auf drei Sängerinnen (hervorragend: Elin Rombo, Anna Prohaska, Tanja Andrijc, Sarah Tynan, Virpi Räisänen) aufgeteilt werden musste und die Synchronisation der Musik mit den Bildern ebenso zeitraubend war wie Rekonstruktion, Restaurierung und Abstimmung der ursprünglichen - Tonbandeinspielungen mit der Partitur. Das alles ist hervorragend gelungen und wann immer der Orchestergraben dunkel wurde, weil niemand live spielte, hätte man eigentlich - und nicht nur da - die Augen schließen müssen, um sich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Besser noch wäre gleich gewesen, mit einer kleinen Leselampe das zweisprachige Libretto im (auch sonst materialreichen) Programmheft mitzulesen.

Die Wiener Philharmoniker jedenfalls spielten unter Ingo Metzmacher trotz kleiner Wackler beim einen oder anderen Tuttieinsatz mit Intensität, Präzision und der bei Nono so wichtigen Kategorie der "Schönheit"; die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor und das Schauspieler- und Gesangssolistenensemble (darunter die Altistin Susan Bickle, Peter Hoare, Christopher Purves, Andrè Schuen und Hee-Saup Yoon) waren nicht minder überzeugend.

Fragt sich, wo die koproduziernde Lindenoper Berlin (2010/11 wird der jetzige Festspielchef dort Intendant!) diese auf die Felsenreitschule zugeschnittene Inszenierung spielen wird.

Klaus Kalchschmid

Weitere Aufführungen: Donnerstag, 6. und Sonntag, 9. August (jeweils 20 Uhr) sowie Freitag, 14. August (17 Uhr).

www.salzburgfestival.at

Eine Aufzeichnung der Premiere wird vom ORF am Freitag, 14. August (19.30 Uhr) im Programm Ö 1 gesendet.