Al gran sole Leipzig

Zu denken wagen

Foto: Jean-Paul Raabe

Luigi Nonos "Al gran sole carico d’amore" in der Regie von Peter Konwitschny an der Oper Leipzig
(Leipzig, 8. Oktober 2009) "Die Schönheit setzt sich der Revolution nicht entgegen", das sagte Ernesto Che Guevara 1953 auf Kuba. Dieser Satz, den Luigi Nono am Beginn seiner Oper "Al gran sole carico d’amore" zitiert, klingt wie eine programmatische Vorgabe für Musik und Handlung des Stücks. Die Szenerie wird von Frauen dominiert, die sich ihrer Reize bewusst sind und die zur Müttern der Weltrevolution werden. Dazu singen sie grell hoch, zuweilen auch betörend schön, aber immer streng "strukturalistisch", sprich ohne melodiöse Sinnzusammenhänge zu offenbaren.
Man kann sich gut vorstellen, wie Nono bei einem guten Rotwein, Salami und Ciabatta die Traktate und Manifeste linker Autoren wie Marx, Lenin, Gorki, Brecht und Fidel Castro studiert und nach brauchbaren Statements durchforstet hat – "Szenische Aktion" und nicht etwa "Oper" nennt er das Ergebnis. Und wie sich Rotwein nebst Salami und Ciabatta zur Weltrevolution verhalten, so kontrastieren musikalische Einflüsse von Verdi oder Bellini mit Nonos strukturalistischer Tonsatzphilosophie.
Ein konkret gewordener Widerspruch ist das Werk also und es ist klar, dass seinem Schöpfer das auch bewusst war, auch bereits im Entstehungsjahr 1975. Nono steht zu seiner linken Weltsicht, integriert aber die eigenen Zweifel. Sie müssen sich in ihm 1989, ein Jahr vor seinem Tod, noch verstärkt haben. Die Montagsdemonstrationen in Leipzig richteten sich ja gegen das, was er jahrzehntelang als den vermeintlich "besseren Weg" propagiert hatte.
Von tiefgründigen divergierenden Konnotationen beladen ist die Thematik des Stücks heute mehr denn je, und gerade das reizte einen Querdenker wie Peter Konwitschny, es am Vorabend des Gedenktages der friedlichen Revolution noch einmal zu inszenieren, gerade in Leipzig. Vor vier Jahren hatte er das bereits mit Erfolg bei Kritik und Publikum in Hannover getan, und die überarbeitete Fassung wurde ebenfalls nun von beiden Seiten bejubelt.
Peter Konwitschny denkt links – wahrscheinlich aber noch illusionsloser als es Luigi Nono tat. Er steht hinter verwendeten Zitaten wie "Sind die Mütter revolutioniert, so bleibt nichts mehr zu revolutionieren", das vom Philosophen Walter Benjamin stammt. Konwitschny lässt es eine der Frauen auf der Bühne groß mit Kreide aufschreiben. Aber er setzt über alles das Wort eines unbekannten Revolutionärs, dass es auf solche Genossen ankomme "die selbständig zu denken wagen". Das ermöglicht ihm einerseits, die Frauen der Pariser Kommunarden von 1871 als die wahren Heldinnen zu zeigen, andererseits einen bärtigen Klischee-Lenin als Kasperlepuppenspieler vorzuführen. Was Konwitschny und Nono wohl verbindet, ist die Utopie von der Liebe im Sinne von Eros und Agape gleichermaßen. Vor diesem Hintergrund werden auch allzu plumpe Agitprop-Zitate erträglich.
Im ersten Teil zeigt Peter Konwitschny eine Art Lager der Aufständischen im Paris des Jahres 1871. Die hingerichteten Kommunarden kommen aus ihren Holzsärgen, die Frauen haben sie quasi zum Leben erweckt. Den zweiten Teil, in dem Nono den weltweiten Aufstand der Arbeiterklasse thematisiert, lässt der Regisseur in einer Art Fabrikhalle spielen, deren graue Betonwände am Ende die Arbeiter bildhaft erdrücken. Allerdings bleibt eine Tür als Fluchtweg offen. Die Botschaft lautet also in etwa: Revolution ja, aber nicht von alten Dogmen beladen. Dazu kommt eine tiefe Melancholie angesichts der unmöglichen einfachen Lösungen. Nicht einmal Revolutionen sind mehr das, was sie einmal waren, könnte man zynisch formulieren und auf die 100 000 Besucher des "Lichterfestes" zum 20-jährigen Jubiläum der friedlichen Revolution in Leipzig, einen Tag nach der Premiere verweisen…
Bei aller inhaltlicher Zerrissenheit von Komponist und Regisseur – am Ende triumphierte ganz eindeutig die Musik. Die Protagonistinnen, die wie von Nono gewünscht, meist in einer Art kollektivem Kleinchor sangen und nur selten solistisch hervortraten sorgten wie gesagt für Schönheit, die sich dem Strukturalismus nicht entgegenstellt, ihn aber auch für den konservativen Leipziger Opernabonnenten erträglich machte. Marika Schönberg, Kathrin Göring, Soula Parassidis und Tanja Andrijic waren nicht nur konzeptionell die "Heldinnen" des Abends, sondern auch stimmlich. Dazu brillierte der Opernchor wie lange nicht mehr und entpuppte sich das ach so traditionsorientierte Gewandhausorchester als perfektes Großensemble für Neue Musik. Das war zu einem Gutteil Johannes Harneit geschuldet, der als Dirigent bis ins kleinste Detail die Fäden in der Hand hatte und in den Proben manchen Musiker regelrecht "bekehren" konnte.
Fazit: Luigi Nonos "Al gran sole carico d’amore" wird unter Peter Konwitschny und Johannes Harneit von allem schwülstigen Revolutionskitsch befreit, ohne aber die Utopie zu zerstören. "Selbständig Denken" lautet die Losung – doch mit Genuß!
Claus Fischer

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