Akademie für Alte Musik

Konzertkritik: Akademie für Alte Musik

Vorbildhaft

Akademie für Alte Musik Foto: Promotion

Die Akademie für Alte Musik Berlin spielte in ihrer Münchner Konzertreihe im Prinzregententheater ihr aktuelles Venedig-Programm
Von Laszlo Molnar

(München, 13. Oktober 2014) Trotz einiger Jahrzehnte Präsenz und Aktivität hat die Alte Musik immer noch den Ruf des Besonderen. Bemerkbar war das beim jüngsten Konzert der Akademie für Alte Musik Berlin im Prinzregententheater. Auffallend viele freie Plätze waren dort zu sehen. Von den besetzten Plätzen aber kam umso größere Begeisterung und enthusiastischer Beifall. Es ist noch immer eine bestimmte Szene, die die historisch informierte Aufführungspraxis schätzt. Zu deren Stars gehört, ganz ohne Zweifel, die Akademie für Alte Musik Berlin, das sich auch durch seine Aufnahmen mit dem Dirigenten René Jacobs einen wohlklingenden Namen machte.
Das Ensemble war in einer Besetzung von sechzehn Musikerinnen und Musikern nach München im Rahmen seiner Winderstein-Reihe gekommen. Das Auftaktkonzert der Saison 2014/15 war ganz dem aktuellen Tournee-Programm gewidmet, der Musik in Venedig in der Zeit Antonio Vivaldis (1678-1741). Dazu gibt es auch eine jüngst erschienene CD. Im Konzert wie auf der CD spielt die Oboistin Xenia Löffler eine wichtige Rolle; nicht nur auf Venedig, auch auf die Oboe ist das Programm zentriert.
Das Konzert-Programm enthält mehr Werke von Vivaldi als die CD-Zusammenstellung, und das ist gut so. Vivaldis Kompositionen sind, besonders im Vergleich mit der im Konzert gespielten Musik von Carlo Tessarini (1690-1741) und Antonio Caldara (1670-1736), um so vieles origineller, anspruchsvoller und sorgfältiger komponieret als die seiner Zeitgenossen. Kein geringerer als Johann Sebastian Bach wusste das zu schätzen und setzte nicht wenige von Vivaldis Konzerten mit seinen Mitteln neu, teils für die Orgel, teils für Orchester.
Vivaldis Musik fasziniert uns noch heute, weil er mit den von ihm entwickelten Themen ähnlich umgeht wie Komponisten in späteren Generationen. Vivaldi konzipierte Themen, die von vornherein ihre motivische und harmonische Entwicklung in sich tragen und deshalb eine ausführliche Wandlung und Ausarbeitung erlauben – das, was später die thematische Arbeit der Klassik werden sollte. Mit dieser Technik konnte er diese einzigartig große Menge von über vierhundert Konzerten schreiben, ohne je langweilig oder sich selbst wiederholend zu werden.
Wenn Vivaldis Musik zu seiner Zeit auch mit so einem Tempo gespielt wurde, wie von der Akademie für Alte Musik, dann muss er wirklich hervorragende Musiker zur Verfügung gehabt haben – genauer, Musikerinnen, denn er schrieb die meisten seiner Stücke für das Mädchen-Konservatorium „Ospedale della Pietà“ in Venedig. Die Akademie für Alte Musik jedenfalls legt ein außergewöhnliches Maß an Vivaldi-Virtuosität vor, fundiert von einer blitzblanken Ensemblekultur, die allen Formationen dieser Art als Vorbild dienen darf. Da geht es nicht nur um die schiere Fingerfertigkeit. Es geht um Klangkultur, um das federnd-präzise Zusammenspiel, um die wie selbstverständlich und intuitiv wirkende Kunst der Phrasierung. Die Akademie bewegt sich hier traumwandlerisch sicher auf dem schmalen Grat zwischen solistischer Präsenz einzelner Musiker und spezifischem Zusammenklang. Man ist eben Ensemble und nicht Orchester.
Die Oboe, die in diesem Programm durch die Anwesenheit Xenia Löfflers einen Schwerpunkt bildet, ist in Vivaldis Oeuvre nicht so prominent vertreten wie die Flöte oder das Fagott (für diese Bläser hat Vivaldi jeweils eine Reihe exquisiter, sehr speziell konzipierter Solokonzerte geschrieben), nicht zu reden von der Violine. Die Oboe kommt quasi nur ein Zaungast vor, und so war das stärkste Oboenstück des Abends das weithin bekannte Konzert von Alessandro Marcello. Zwei Konzerte Vivaldis brachten die Oboe im Zusammenspiel mit der Violine oder einer weiteren Oboe, und das Solokonzert C-Dur gibt ihr bei weitem nicht die melodische Prominenz wie im Marcello-Konzert. Auch gelang es Xenia Löffler nicht, den Charme des Instruments auszureizen wie bei anderen Kollegen; ihr Spiel wirkte reserviert und oftmals spröde. Gelegenheiten, den Oboenklang zum Blühen zu bringen – die etwa ihr Kollege Michael Bosch in Vivaldis Doppelkonzert d-Moll nutzte -, ließ sie verstreichen. Da war man etwa vom Solospiel des Konzertmeisters Georg Kallweit deutlich mehr fasziniert.
Insgesamt hinterließ das Gastspiel der Berliner bei den Zuhörern ungeteilte Begeisterung. Auf solchem Niveau gespielt, läuft die Musik Vivaldis zur Hochform auf, werden Stücke wie die Sinfonien  von Carlo Tessarini und Antonio Caldara erst goutierbar. Die Akademie für Alte Musik Berlin hat wieder einmal gezeigt, welch faszinierendes Format die historisch informierte Aufführungspraxis erlangt hat.

Die Aktuelle CD des Ensembles: „Venice – The golden Age“; Concerti von Vivaldi, Marcello, Porta, Tessarini; harmonia mundi france.

Die weiteren Konzerte der "Akamus" in München:
17.12.2014 (Bach, Weihnachtsoratorium); 7.2. und 21.6. 2015. Information bei www.winderstein.de

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