Aimard spielt Stockhausen

Das Phänomen

Pierre-Laurent Aimard Foto: Marco Borggreve

Pierre-Laurent Aimard führte in München Stockhausens gesamtes Klavierwerk auf – eine sensationelle Leistung eines singulären Pianisten
Von Robert Jungwirth
(München, Oktober 2015) Erst vor zwei Monaten hat er das gesamte Klavierwerk von Pierre Boulez bei den Salzburger Festspielen gespielt, jetzt das gesamte Klavierwerk Karlheinz Stockhausens in München bei einem mehrtägigen Stockhausen-Festival der Musica-Viva-Reihe des Bayerischen Rundfunks. Pierre-Laurent Aimard ist ein Phänomen. Es gibt weltweit keinen anderen Pianisten, der ein solches Pensum höchstkomplizierter und komplexer Werke des 20. Jahrhunderts in einem derart kurzen Zeitraum und mit dieser musikalisch-intellektuellen Durchdringung spielen könnte wie der Franzose. Dabei ist vom ersten Moment seines Auftritts klar, dass es ihm um alles andere als um einen enzyklopädischen Wettbewerb geht. Äußerlichkeiten sind Aimard generell fremd, entsprechend gibt es bei ihm auch keine eitle Selbstdarstellung – nicht als Musiker auf der Bühne und auch nicht in der Musik. Vielmehr kennzeichnen Aimards Interpretationen stets ein geradezu heiliger Ernst in der Auseinandersetzung mit den Werken, ein bedingungsloses Sich-in-sie-Versenkens und seien sie noch so schwierig umzusetzen, wie die Klaviersolostücke von Stockhausen. Das zehnte mit einer Dauer von etwa 25 Minuten ist gar mit Handschuhen zu spielen, damit sich der Pianist bei den perkussiven Clustern nicht verletzt. Die Stücke I-XI, in den 50er Jahren entstanden, sind Dokumente des kompositorischen Experiments, des Ausprobierens sowohl auf der Material- also auch auf der künstlerischen Ebene. Während die kürzeren dieser Stücke in ihrer Einzeltonexegese und radikalen Reduktion noch der Ausdruckswelt Anton Webern nahe stehen, ist das fünfte oder siebte Stück deutlich reicher an klanglichen Dimensionen. Hier kommt Stockhausens Suche nach Klangsinnlichkeit und nach räumlicher Auffächerung etwa durch extremes Ausreizen des Klangspektrums, des Arbeitens mit Obertönen durch „stumm angeschlagene“ Tasten und nachklingende Pausen zur Geltung – Aimard spricht denn auch zu Recht vom „Klangarchitekten Stockhausen“.
Interessant ist in diesen Werken auch der durchaus verblüffende Gegensatz zwischen serieller Akribie einerseits und der völligen Freiheit des Interpreten im elften Stück, das mit aleatorischen Elementen arbeitet. In diesem Spannungsfeld als Interpret zu agieren und dabei auch noch als schaffender Künstler wahrgenommen zu werden, ist alles andere als leicht. Doch Aimard, für den Stockhausens Musik seit seiner Kindheit zum pianistischen Erfahrungsbereich wie Beethoven oder Mozart gehört, hält auch hier eine beeindruckende Balance zwischen Werk und Interpret. So kann das Publikum zusammen mit ihm staunen, welche klanglichen Geheimnisse in Stockhausens Klangwelten sich offenbaren – die trotz aller Intellektualität und überaus peniblen Ausformung auf dem Papier im Moment des Entstehens von großartiger und unvorhersehbarer Wirkung sind. Aimard vermag dieses Staunen hörbar zu machen. Eine großartige Leistung eines großartigen Pianisten!
Aber auch das Symphonieorchester des BR beeindruckte bei diesem Stockhausenfestival mit einer souveränen Aufführung der mit elektronischer Musik und Zuspielungen versehenen „Hymnen“ (1966-67). Wie in einem musikalischen Kaleidoskop mixt, verändert, schichtet und verfremdet Stockhausen hier verschiedene Nationalhymnen zu einer musikalischen Erdumrundung im Zeitalter der ersten Mondfahrten. Manche Hymnen erkennt man trotz des musikalischen Kubismus‘ recht gut wie die frühere Hymne der UdSSR, die gleich mehrmals anklingt oder die der USA, andere bleiben kryptisch, dienen als atomisierter Musiksteinbruch, der von zersplitternden elektronischen Klängen und flächigem Orchesterspiel überlagert wird. Das ist von großartiger Wirkung im virtuosen Zusammenspiel von Elektronik und live spielenden Musikern. Wenn man sich vorstellt, dass Stockhausen dieses Stück mit der Technik der 60er Jahre komponiert und realisiert hat, dann ist das mehr als verblüffend. Recht viel experimenteller lassen sich auch heute Klänge kaum bearbeiten.

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