Aimard in Berlin

Die Schwarzweiß-Frage

Foto: WarnerClassics

 Zwei Abende mit Pierre-Laurent Aimard in der Berliner Philharmonie

(Berlin 19. und 21. April) Schwarz oder weiß? Diese Frage stellt sich automatisch, lenkt man sein Gehirn nicht gegen einen verhängnisvollen Drang. Den Drang zur Kategorisierung. Zur Unterteilung – zum Beispiel – der Musik in zeitgenössische und dem Repertoire entnommene. Oder moderne und klassisch-romantische. Die Musik hat schon in der auf die Kontinente E und U verteilten Diaspora ihren Zusammenhalt verloren. Eine Ganzheit, die sie zwar so nie hatte, die aber so lose auch nie war wie heute. Man siehe nur einen Veranstaltungskalender, wo einerseits Konzerte unter „Musik“ rubrifiziert werden und
andererseits unter „Klassik“. Das ist das eine. Zum anderen splittet sie sich auch noch in erwähnte Abteilungen. In neu oder alt, schwarz oder weiß.
Man muss nur die Augen öffnen, dann entdeckt man Musikerpersönlichkeiten, wie den im September 1957 in Lyon geborenen Pianisten Pierre-Laurent Aimard. Mit sieben Jahren spielte er die „Sechs kleinen Klavierstücke“ von Arnold Schönberg. Mit 19 wurde er Gründungsmitglied des von Pierre Boulez initiierten „Ensemble Intercontemporain“. Und
war fortan mit dem Etikett „Neue Musik-Interpret“ gesegnet. Diese Musik spielen kann er wie kaum ein anderer Pianist. Messiaen, Ligeti, Stockhausen, Carter und natürlich Pierre Boulez – nicht gerade Anspruchsloses, auch vom spieltechnischen Stand. Zu Beginn dieses Jahrzehnts dann erschienen Einspielungen der Beethoven-Klavierkonzerte. Die Musikwelt war überrascht. Dann auch noch Mozart. Verrat? Verrat am „Engagement für zeitgenössische Musik“. Wer so denkt, sieht die aktuelle Musikproduktion auf der Intensivstation liegen, während Beethoven und seine alten Genossen vor Vitalität nur so strotzen.
Nun ja, schliessen wir die Schubladen und gehen in die Berliner Philharmonie. Dort war Aimard während der Saison 06/07 „Pianist in Residence“. Hatte einen Titel inne, der in der Hauptstadt mit fünf Rezitals und Kammerkonzerten verbunden war und einer Serie von drei Orchesterkonzerten. Und den Aimard auch in New York (Carnegie Hall), Wien (Konzerthaus) und Luzern (am Lucerne Festival) trägt. Wer so vielseitig ist, Beethoven UND Boulez spielt, darf sich über großes Interesse der Veranstalter nicht wundern.
Nun also Abschluss der Berliner Pianisten-Residenz mit zwei Konzerten. Am Donnerstag trat Aimard mit einem Mikrophon in den Kammermusiksaal der Philharmonie. Das Thema des Konzerts mit Stipendiaten der Orchesterakademie hieß «Räumlichkeiten». Aimard verkündete, dass wir intime, weit gespannte und enigmatische Räume betreten würden. Nach vier Canzonen von Giovanni Gabrieli, auf modernen Instrumenten sauber durchgespült, Kurtág: Zusammen mit zwei Stipendiatinnen hat Aimard György Kurtágs Bagatellen für Flöte, Kontrabass und Klavier einstudiert. Begabt sind seine Mitspielerinnen und etwas verschlossen. Wie einsam kann man vor sich her spielen, wenn man so nah beieinander steht?
Im Raum verteilt dann die „Játékok“ und „Signs, Games and Messages“ von Kurtág – kleine Musikkonzentrate für Violinen, Viola und Klavier in verschiedenen Kombinationen. Sie zeigten, dass musikalisches Wissen, Erfahrung und Gedächtnis in drei Noten ihren
Niederschlag finden können – oder eben auch nicht. Marco Stroppas „Hommage à Gy. K.“ für Klarinette, Viola und Klavier waren wiederum hinreißend gespielt, hochvirtuos und höchstzerbrechlich – Musik des Augenblicks, frei von Repertoirestaub und dem Schweißgeruch der Übezimmer. Wirkte die Anwesenheit des Komponisten beflügelnd? Marco Stroppa, der selber am Computer stand, und Aimard waren Partner in den
„Dialoghi“ aus Stroppas «Traietttoria». Hier zeigte sich der Pianist ganz als explosiver Expressionsmusiker. Der Stau verinnerlichter Kurtág-Gesten löste sich und wurde durch die Klangregie noch in den Raum hinein vergrößert. Eigenartig aber, wie sich unsere Ohren an den Fortschritt elektronischer Klangerzeugung und -verfremdung gewöhnt
haben: Stroppas 1983 mühsam geschriebene „Dialoghi“-Software produzierte, bei aller Delikatesse, mithin Töne, die aus einem beliebigen Science-Fiction-Film dieser Jahre stammen könnten. Abschließend Charles Ives‘ „From the Steeples and the Mountains“. Und
„The Unanswered Question“: Trompete, Flöten- und Streichquartett in ihrer jeweiligen, von den anderen völlig unberührten Ausdruckswelt. Mit dieser „unbeantworteten Frage“ wurde die Frage nach dem Sinn des Konzerts „Räumlichkeiten“ am deutlichsten beantwortet.
Aimard, hier der zurückhaltende Stipendiats-Co-Musiker, war am Samstag dann Solist in Beethovens zweitem Klavierkonzert. Unter einem erschreckend gealterten Seiji Ozawa begleiteten die Berliner Philharmoniker, begleiteten. Die Schwarzweiß-Frage stellt sich, wenn Aimard Beethoven spielt, nicht. Es erklingt neue Musik, in dem Sinne, dass der Solist
unerschrockener als andere seine Interpretation darlegt, die frappierend neu ist. Für Aimard ist das Konzert, das Beethoven mit 17 zu skizzieren begann, das Werk eines Jugendlichen. Jungenhaft unverkrampft der Einstieg ins erste Solo. Ein paar Takte später schon beginnt das Seitenthema zu träumen. Dann erklingt eine Moll-
Intensität, empfunden noch bevor die Tonart klar ist. Im Keim sind Ausbrüche des späteren Cholerikers (etwa in den Bassoktaven) angelegt, aber auch die Ironie über einer zu einfachen melodischen Passage. Schnell wechselt das alles. Und doch höchstkonzentriert auf den jeweiligen Ausdrucksmoment.
Übergangslos, mosaikartig, dichtgedrängt auch die Kadenz. Zu solcher unausgewachsenen Potenz passend dann der zweite Satz. Vielleicht ist es einfach nicht möglich über einem durchvibrierten, neo-karajanschen Streicherteppich ruhigen Adagio-Emotion freien Lauf zu lassen.
Vielleicht war es Aimards Konzept, erst im kadenzartigen Schluss dieses Satzes, in ein paar schlichten Motiven Gefühl zuzulassen. „Con gran espressione“ schreibt Beethoven hier, Aimard öffnet mit dem rechten Pedal den Flügel und spricht mit zwei Noten – fast sind wir
wieder bei Kurtág – das aus, was ihm einen Satz lang nicht gelingen wollte.
Ein Konzert mit Orchester beraubt den Solisten zwar der Möglichkeit, mittels Programmgestaltung neue Zusammenhänge zu erleuchten. Es hält ihn aber nicht davon ab, innerhalb des Stückes solche Zusammenhänge zu schaffen. Denjenigen etwa, im Schlusssatz etwas einzulösen, was zuvor nur potenziell vorhanden war. Hier: Lebenslust. Spieltrieb. Leichtigkeit. Beethovens jugendlich unkonzentriertes Pianisten-Ego
ist jetzt bei sich, ist das spielende Kind, das Nietzsche später „in
jedem ächten Manne“ sah. Diese alte Musik dürfte man so jung und neu noch selten gehört haben.
Benjamin Herzog

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