Netrebko als Aida in Salzburg

Shirin Neshats tönendes Bilderbuch

Ägyptische Mènage a tróis, ästhetisch aufbereitet – gesungen wird eher rampenwärts. Muti und Netrebko beeindrucken trotzdem.

 Von Derek Weber

(Salzburg, 9. August 2017) Gar so oft hat man bei den Salzburger Festspielen Verdis „Aida“ noch nicht gegeben. Und dass ausgerechnet in der Eröffnungssaison von Markus Hinterhäuser Verdis weltweit beliebter Bühnenrenner angesetzt wurde, wird manch einen verwundert haben. Doch für die Wahl gab es gute Gründe: Erstens hat der Intendant Riccardo Muti dazu überreden können, doch wieder Oper zu dirigieren, zweitens stand mit Anna Netrebko eine Sängerin für die Titelrolle bereit, die über eine enorme Anziehungskraft aufs Publikum verfügt und drittens gelang es nicht zuletzt, mit der Filmemacherin Shirin Neshat eine Regisseurin zu engagieren, die zwar noch nie eine Oper inszeniert hat, aber als aus dem Iran stammende Künstlerin für eine in Ägypten spielende Oper genug exotisches Flair mitzubringen versprach, um eine ungewöhnliche Begegnung mit dem Werk zu garantieren.

Kommerziell ist das Projekt auf jeden Fall ein Riesenerfolg geworden. Ausverkaufter kann eine Produktion – auch vom Rezensenteninteresse her betrachtet – wohl kaum sein, und bei den Eingangstüren zum großen Festspielhaus sah man viele lange Gesichter von Zukurzgekommenen.
Beginnen wir mit Shirin Neshat. Sie lebt seit vielen Jahren in New York, weiß gute Filme zu machen und kennt sich in „westlichen“ Kulturgepflogenheiten gut aus. Sie hat mit der Kostümbildnerin Tatyana van Walsum schon zusammengearbeitet und scheint auch mit dem Bühnenbildner Christian Schmidt gut harmonisiert zu haben. Eine Opernregisseurin im engeren Sinn kann man sie wohl (noch?) nicht nennen. Denn was sich auf der Bühne am meisten bewegt, sind – neben den fließenden und ziemlich schönen Kleidern der weiblichen Protagonistinnen – die massigen, multifunktionalen szenischen Elemente. Die Personenführung bleibt eher statisch und in der Handhabung der Gesten dominieren die gewohnten großen Allerwelts-Armbewegungen, die Sänger gemeinhin im Repertoire haben.

Gesungen wird eher rampenwärts. Aber das kann auch damit zu tun haben, dass Riccardo Muti den direkten Sichtkontakt zu den Sängern sucht. Und die Massenszenen haben von vornherein einen Zug zum Oratorienhaften, der in der Neshat-Muti-Produktion gehörig zum Tragen kommt, auch wenn dieser durch Videoprojektionen auf die riesigen beweglichen Bühnenelemente ein zusätzliches Bewegungsmoment eingebaut ist. Gezeigt werden in den Bildern die Underdogs der Verdi-Oper, die Äthiopier, als zu kleinen Menschenklumpen agglomerierte besiegte Volksmassen. Das ist immerhin um vieles werkdienlicher als die gepeinigten und gepeitschten Kriegsgefangenen Veroneser Zuschnitts.

Denn natürlich ist die Arena di Verona der Bezugspunkt für die Zuschauenden, und in den zwei großen Pausen bildet das oberitalienische Festival mit seinen Elefanten, Pferden und Statistenmassen – elitäres Salzburger Publikum hin oder her – den Bezugsrahmen bei den Pausengesprächen. Nur: Was in Verona als Freilichtflair funktioniert, wird im Großen Festspielhaus zum Teil des Problems: Auf dieser Bühne tritt bei „Aida“ allzu leicht ein Verlust an Intimität ein: Der Raum fällt – und als langjähriger Beobachter weiß man ein Lied davon zu singen – auseinander. (Das ist ja das große Positivum beim Bühnenbild der diesjährigen „Lady Macbeth von Mzensk“, dass die Bühne ungemein fokussiert ist und subjektiv kleiner wirkt, als sie ist.) Wenn in „Aida“ einer rechts und ein anderer links miteinander reden/singen, entstehen sofort Löcher, Zwischenräume, die durch nichts zu füllen sind, außer durch die große Opernerfahrung eines Riccardo Muti, der in der Lage ist, solche Distanzen akustisch zu verkleinern.

Muti hat überhaupt aufs Neue seine Verdi-Sonderklasse unter Beweis gestellt, hat offenbar seine Kenntnis der Partitur noch einmal einer Revision unterzogen, was schon am überaus zarten, ja geradezu zerbrechlichen Beginn des Vorspiels zu hören war. So sollten Pianissimi klingen! Muti geht mit Verdi sorgsam um, braucht keine wildgewordenen Tempi oder wüsten Fortissimi, um zu verdeutlichen, was gehört werden soll. (Die Wiener Philharmoniker assistieren ihm dabei aufs Eindrücklichste.) Auch der Triumphmarsch gelingt delikat und ohne auftrumpfenden Nachdruck (und begleitet von einer einfallsreichen Drehbühnenlösung, die sowohl die siegreichen Ägypter wie die Besiegten ins Bild bringt).

Die von jungen Stieren getanzten Balletteinlagen (Choreographie: Thomas Wilhelm) sind – gemessen an dem, was man sonst zu sehen bekommt – phantasievoll, und die sparsam eingesetzten Videoprojektionen, die sich auf die besiegten Äthiopier beziehen, setzen eher auf Kleingruppen denn auf große Massen.

Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor ist im piano wie im forte Herr (bzw. Frau) der Lage. Anna Netrebko singt die Partie der Aida in allen nur erdenklichen Farben und erreicht die acuti, ohne zu Nachdruck greifen zu müssen. Beeindruckend auch Ekaterina Semenchuk als Amneris und Francesco Meli als Radamès, der nicht nur das hohe B in seiner Auftrittsarie mühelos erreicht, sondern auch generell nie zu falschem heldischen Glanz Zuflucht nehmen muss. Luca Salsi stattet den Amonasro mit einer gewissen, rauhbeinigen, man könnte auch sagen: „barbarischen“ Note aus. Das hat in Italien eine gewisse Tradition.

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen musikalisch schön gestalteten, insgesamt aber statisch ausgerichteten Opernabend, der jedem Anflug von radikaler inszenatorischer Neuinterpretation aus dem Weg geht. Geht das nicht anders? Doch! Man erinnere sich nur an Peter Konwitschnys Grazer „Aida“ aus den 1990er-Jahren, die – unter gänzlich anderen Raumbedingungen als in Salzburg – aus dem Werk eine Kammeroper machte.

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