Adam’s Passion von Pärt und Wilson im Konzerthaus Berlin

Traurige Schönheit

Robert Wilsons Rätselbilder begleiten Arvo Pärts Klagegesänge

Von Bernd Feuchtner

(Berlin, 28. März 2018) Es ist vielleicht kein Zufall, dass Arvo Pärt 1976 nach acht Jahren des Schweigens mit dem Klavierstück „Für Alina“ seinen ganz eigenen Weg des musikalischen Minimalismus begann, während im gleichen Jahr Robert Wilson gemeinsam mit Philip Glass die erste Oper der Minimal Music schuf. Beide wurden Meister der Ruhe und einer spirituellen Kunst. Eine Oper konnte man von Arvo Pärt nicht erwarten. Immerhin war nun ein Bühnenwerk von ihm zu erleben. Es verdankt sich der Begegnung von Pärt und Wilson bei einer Audienz von Papst Benedikt für Künstler in der Sixtinischen Kapelle im November 2009, bei der sie eine Zusammenarbeit vereinbarten. Und im Frühjahr 2015, im Jahr von Pärts 80. Geburtstag, war es dann so weit: In einer ehemaligen U-Boot-Fabrik in Tallinn wurde „Adam’s Lament“ uraufgeführt, eine 90-minütige Inszenierung von Robert Wilson zu vier Kompositionen von Arvo Pärt. Nur das Einleitungsstück „Sequentia“ für Streichorchester und Schlagwerk wurde für diesen Anlass neu komponiert. „Adam’s Lament“ war konzertant schon 2010 in Istanbul uraufgeführt worden, und mit „Tabula rasa“ (1977) und „Miserere“ (1989) folgten zwei Klassiker des estnischen Komponisten.

Im Konzerthaus Berlin, wo die Produktion jetzt an drei ausverkauften Abenden gastierte, war das Orchesterpodium schwarz abgehängt, im Hintergrund hing die Opera-Folie für die Lichtinstallation. Ein Steg führte vom Podium bis in die Mitte des Parketts. Für seitliche Gassen blieb wenig Platz, was für die vorderen Reihen viel Einblick in die Vorbereitungen der Darsteller für ihren Auftritt bot. Zur rein instrumentalen „Sequentia“ wurde in der Bühnenmitte vor der sich langsam erhellenden Leuchtwand – das Farbspektrum beschränkte sich den ganzen Abend über auf Schattierungen von Blau – Adam sichtbar, so wie Gott ihn schuf. Der Schauspieler Michalis Theophanous wird sich dann kaum wahrnehmbar in Bewegung setzen, bis er das Ende des Steges im Saal erreicht hat. Dort nimmt er einen Zweig auf, den er auf dem Rückweg auf dem Kopf balanciert.

Die stilisierten Handhaltungen von Adam werden nur für kurze Momente durch entschlossene Bewegungen unterbrochen. Dabei kommt es zur Kommunikation mit der strengen Frau im langen weißen Kleid und mit der Haarhaube, die Lucinda Childs mit der gewohnten Präzision darstellt. Da sie nicht im Evakostüm aufgetreten ist, könnte sie Gott sein oder der Erzengel, der Adam aus dem Paradies vertrieben hat. Denn davon handelt Adams Klage: „Aller Friede wich von der Erde, und seiner Sünde wegen war die Liebe verloren.“ Auch den Tod Abels durch die Hand seines Bruders Kain musste er mitansehen, und er rief: „Aus mir werden Völker hervorgehen und sich vermehren, aber sie werden in Feindschaft leben und einander töten.“

Zwei schwere Männer treten auf, zwei Erdenklöße, die einen plumpen Tanz aufführen. Zwei lächelnde Frauen kreuzen den Weg Adams. Und ein kleiner Junge, bewundernswert in den langsamen Bewegungen seines Auftritts, schreitet den Steg entlang vorwärts und beginnt mit Bausteinen zu hantieren. Ein Hausmodell und eine Leiter kommen dazu – mit Adam begann auch der männliche Weg unserer Zivilisation. Aber ist das so gemeint? Was die Andeutungen beim Zuschauer auslösen, bleibt diesem überlassen. Auch die Texte helfen ihm nicht weiter, wenn er sie nicht vorher im Programmheft gelesen hat, denn sie werden auf Russisch oder auf Lateinisch gesungen.

„Tabula rasa“, 1977 uraufgeführt von Eri Klas, Gidon Kremer und Tatjana Grindenko, wird im Spiel von Sayako Kusaka, Johannes Jahnel (Geigen) und Angela Gassenhuber (präpariertes Klavier) zur intensiven musikalischen Erfahrung. Beim „Miserere“ zeigen sich dann allerdings die Einschränkungen des Ortes, denn die trockene Akustik des neoklassischen Saales ist der Pärt-Musik nicht unbedingt förderlich, und die nackte Fabrikhalle war sicherlich auch optisch ein günstigerer Rahmen. Vielleicht hatte der Dirigent Tönu Kaljuste mit seinem eigenen Ensemble in Tallinn auch einen besseren Kontakt als mit den Musikern des Konzerthausorchesters, denn bei ruhigen Stellen bricht die Musik ein. Wunderbar der Klang des Estnischen Philharmonischen Kammerchores, der den Sinn hat für diese Musik.

Dennoch bietet der Abend einen grandiosen Eindruck und große Schönheit. Robert Wilsons Bilder tragen die Musik von Arvo Pärt auf Händen und bilden gleichzeitig einen spannungsreichen Kontrapunkt dazu. Nichts wird illustriert, beide Ebenen stehen für sich. Das Publikum war sehr still und konzentriert – es gibt ein Bedürfnis nach dieser Schönheit, die die Musik und das Theater heute so selten liefern wollen. Dabei haben Pärt und Wilson doch gezeigt, dass die traurigsten Dinge auch in größter Schönheit gesagt werden können, ohne dass die Wahrheit verraten wird. Auf der DVD mit der Aufzeichnung aus Tallinn kann man sich davon überzeugen.

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