Academy of St. Martin

Im Gedenken an Sir Neville

Neville Marriner, der am 2. Oktober gestorben ist. Foto: ICA Artists

Die Academy of St. Martin-in-the-Fields gastiert mit dem Pianisten Kit Armstrong in Köln

Von Christoph Zimmermann
(Köln, 8. Oktober 2016) Neunzig Jahre oder mehr, das ist ein Alter, bei welchem sich das Ende eines Erdenlebens zwangsläufig abzuzeichnen beginnt. Sir Neville Marriner, der am 2. Oktober im Alter von 92 Jahren starb, war einer der dienstältesten Dirigenten der Welt, war bei seinen letzten Kölner Auftritten also zwangsläufig kein Springinsfeld, wirkte aber doch noch erstaunlich vital. In der Philharmonie hätte er in diesem Monat gleich zwei Auftritte absolvieren sollen, am 25. Oktober mit dem Orchestra de Cadaqués sowie – um diesen Termin geht es an dieser Stelle – am 9. Oktober mit seiner Academy of St. Martin-in-the-Fields, die er 1958 gründete.
Aus dem Kammerorchester war im Laufe der Zeit mehr und mehr ein sinfonischer Klangkörper geworden, der sich seine Hellhörigkeit im Zusammenspiel, seine Flexibilität jedoch ungeschmälert bewahrt hat. So war die Berufung des Geigers Joshua Bell zum Music Director vor einigen Jahren weder eine Extravaganz noch eine wie auch immer geartete „Notlösung“. Bell sorgt für kammermusikalisches Niveau, fungiert auch nicht wirklich als Dirigent, sondern gibt (mitspielend) alle notwendigen Direktiven vom Konzertmeisterstuhl aus. Das genügt. Auch andere Musiker praktizieren ja dieses Verfahren, wo es das Repertoire zulässt.

Der Tod Neville Marriners ist für  die Academy of St. Martin-in-the-Fields natürlich ein großer Verlust, auch im menschlichen Sinn. Künstlerisch gerät sie aber wohl nicht in Not. Bei den aktuellen Auftritten nimmt Tomo Keller, Konzertmeister seit diesem Jahr, die Rolle seines Kollegen Joshua Bell ein, wie dieser bei aller Körperwendigkeit maßvoll agierend.

Ob die weiteren Tourneedaten der Academy in irgendeiner Weise variiert werden, ist im Moment nicht bekannt. Die drei mit Neville Marriner vorgesehenen Termine im Oktober blieben (auch im Programm) bestehen. In Wien gab es einen Auftritt mit der Geigerin Julia Fischer (Beethoven-Violinkonzert neben Mendelssohns „Hebriden“ und Mozarts Es-Dur-Sinfonie KV 543, danach zwei Konzerte mit Kit Armstrong, in Köln (9.10. – hier besprochen) und tags darauf Brüssel, wo die genannte Mozart-Sinfonie gleichfalls den Abschluss bildete. Zuvor waren sein Klavierkonzert KV 482 sowie Sergej Prokofjews „Symphonie classique“ zu hören. Der junge Pianist hätte bei dieser Gelegenheit übrigens erstmals mit Neville Marriner zusammengearbeitet. Das Schicksal wollte es anders.

Man darf jedoch von ausreichenden Proben des Orchesters mit dem Dirigenten ausgehen, so dass Marriners Geist in den Interpretationen manifest blieb. Bei den Mozart-Werken bestehen bezüglich des angemessenen Tempos ohnehin kaum Klärungsfragen. Eher schon bei Prokofjew. Beim Eingangssatz hätte man sich das Allegro durchaus beschleunigter vorstellen können, obwohl es der Widergabe an Drive keineswegs fehlte. Die Gavotta wirkte hingegen stimmig und im Finale gab sich das Orchester wirklich rasant.

Mozarts Klavierkonzert Nr. 22 lebt nicht zuletzt von seiner aparten Instrumentierung, welche die Bläser stärker als üblich in Szene setzt. Die Academy machte das mit ihrer wundervoll schattierenden Farbgebung deutlich. Kit Armstrong, ungeachtet seines Alters (24) immer noch wie ein lieber Schulbub aussehend, artikulierte seinen Klavierpart mit zarter Klarheit. Zwar ließ es auch Kit Armstrong an klar formulierendem Anschlag nicht fehlen, er setzte pointierte Akzente, rundete sein Spiel aber doch mit einer Art Schubert‘schen Weichheit ab. Stets den Blick zum Orchester gewandt, war er ein beispielhafter „Gemeinschafts“musiker. Ein meditatives Präludium aus Bachs „Wohltemperierten Klavier“ war seine Zugabe. Bei Mozart hatte Kit Armstrong übrigens eigene Kadenzen benutzt (er komponiert ja auch), wobei die des ersten Satzes fast schon Ausmaße eines kleinen Konzertes besaßen.

Die Academy wählte zur Abrundung des Abends ihrerseits einen irischen Folksong, den Neville Marriner offensichtlich besonders mochte. Der elegische Tonfall passte für diese Hommage, die vom Publikum nach einer angemessenen Pausenstille mit Beifall im Stehen honoriert wurde.

Die Sinfonie KV 543 (Nr. 39, Es-Dur) gehört zu Mozarts letzen Beiträgen in diesem Genre. Auch bei dieser ist der definitive Entstehungsanlass nicht bekannt. Präzise Fakten würden die reiche Gestaltung dieser Werke aber wohl nur bedingt erklären helfen. Die Academy of St Martin-in-the-Fields ging die Musik mit der ihr eigenen Forschheit an, sicherte ihr aber dynamische und agogische Feinheiten selbst  bei brillant angezogenen Tempi.



Münchner Philharmoniker


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