Abschluss musica viva festival

Uaxuctum

Das musica viva festival endet beeindruckend mit Hartmann und Scelsi

(München, 15. Februar 2007) Es war einer der ganz großen Momente dieses ersten musica viva festivals: die deutsche Erstaufführung der zweisätzigen "l’Ouvre"-Symphonie – benannt nach Zolas gleichnamigem Roman – von Karl Amadeus Hartmannaus dem Jahr 1937. Später gingen Teile davon in die sechste Symphonie ein, weshalb das Werk in der Schublade landete.

Schon die Toccata variata erwies sich als ein unglaublich spannendes, gewaltig sich steigerndes, im Wortsinn vielschichtiges Stück, das zwischen Kammermusik und großer Orchesterentfaltung os-zillierte. Das folgende Adagio beeindruckte in seiner strukturellen Klarheit ebenso wie in der brennenden Intensität und Düsterkeit des Ausdrucks, die nicht nur einmal an Alban Berg erinnerte. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielte unter Emilio Pomárico mit ebensogroßer Expressivität wie Präzision – eine schöne,
tiefe Verneigung vor Hartmann, dem Begründer der musica viva, dessen Werke noch immer unterschätzt sind und viel zu selten aufgeführt werden.

Als Finale kam Giacinto Scelsis gewaltiges Opus "Uaxuctum" für sieben Schlagzeuger, Pauker, Chor (des Bayerischen Rundfunks), Solisten und Orchester aus dem Jahr 1966 zur Aufführung. Selbst wer mit dem Mythos der Maya-Stadt, die von seinen Bewohnern selbst aus religiösen Gründen im 9. Jahrhundert zerstört worden sein soll, nicht vertraut ist, konnte die eigentümlichen, irrationalen Kräfte spüren, die Scelsi in seinem fünfsätzigen Werk bündelte. Schon die Besetzung des Orchesters spiegelte buchstäblich den düsteren Grund der Geschichte, indem die Streicher nur mit Kontrabässen vertreten und stattdessen vor dem Orchester vier Hörner platziert waren.

Klage oder Aggression, Naturkatastrophe oder blutiges Ritual: Scelsis Klangschichtungen, seine bedrohlichen Chor-Crescendi, der Wechsel zwischen vokaler oder instrumentaler Attacke, die eigentümlichen Techniken, mit denen die Sänger sich ohne Text artikulierten, lassen viele Assoziationen zu. Der Geist des legendären Uaxuctum erfüllte noch den letzten Winkel des ausverkauften Herkulessaal,  vermochte in jedem Takt zu faszinieren und in eine Welt zu führen, die zu verlassen man am Ende doch wieder ganz froh war.
Klaus Kalchschmid

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