
Zum Tod des großen Cembalisten und Pioniers der historischen Aufführungspraxis Gustav Leonhardt
(16. Januar 2012) Vor gut einem Monat gab Gustav Leonhardt sein letztes Konzert in Paris - müde, abgemagert, schwach. In München konnte man ihn im Februar 2010 - und ein Jahr später - ein letztes Mal erleben! Wer damals dabei war und ihn danach noch sprechen durfte zu seiner Mitwirkung als Johann Sebastian Bach im wunderbaren Film "Die Chronik der Anna Magdalena Bach" von Daniéle Huillet und Jean-Marie Straub aus dem Jahr 1968, der hat einen zwar hageren, aber ungemein wachen und witzigen Mann in Erinnerung, der so redet wie er spielt: lebendig, frei, geradezu jungenhaft - seinen damals 83 Jahren zum Trotz! Neben Johann Sebastian Bach kamen auch Johann Christoph und Wilhelm Friedemann zum Zug und es ereignete sich ein Wunder!
Und selbst wer die Goldberg-Variationen eigentlich nur von Glenn Gould hören mag, der lauscht fasziniert diesem Zyklus, wie ihn Leonhardt 1978 - und nicht nur damals - einspielte, in einer Aufnahme, die alle Grenzen des Instruments vergessen lässt. Da rockt das Cembalo und die Finessen der Agogik und der Artikulation machen die Aria mit ihren 33 "Veränderungen" zu einem aufregenden, noch heute taufrischen Hörerlebnis.
Mit 23 Jahren debütierte Leonhardt in Wien mit der "Kunst der Fuge" - Nikolaus Harnoncourt war dabei, eine lebenslange künstlerische Freundschaft war geboren - nicht zuletzt dokumentiert im Bach-Film der Straubs! Und in der ersten Gesamtaufnahme des KANTATENWERKS von Bach auf Originalinstrumenten für die Teldec, paritätisch aufgeteilt zwischen Leonhardt-Consort und Concentus Musicus.
Am 16. Januar ist Gustav Leonhardt gestorben, fast bis zuletzt hat er für die Musik gelebt, ihr und uns als Geschenk!
Klaus Kalchschmid