Ingo Metzmacher dirigiert in Salzburg Bernd Alois Zimmermanns "Soldaten" mit aller nötigen Drastik. Die Inszenierung von Alvis Hermanis enttäuscht dagegen mit vordergründigem Realismus
(Salzburg, 20. August 2012) Soldaten genießen nicht den allerbesten Ruf. Sie wohnen auf Kanonen und sind auch sonst nicht gerade zimperlich. Schließlich ist ihr Handwerk das Töten von Menschen. Jakob Michael Reinhold Lenz hat dem Soldatenstand in seinem Drama "Die Soldaten" von 1775 ein Negativ-Denkmal gesetzt. Der Offizier und Baron Desportes verführt die Kaufmannstochter Marie, die eigentlich mit dem Tuchhändler Stolzius verlobt ist, und stürzt sie in tiefste Verzweiflung, als er sie schließlich sitzen und von seinem Jägerburschen vergewaltigen läßt. Woraufhin Stolzius an Desportes tödliche Rache nimmt und sich auch gleich selbst richtet.
Es ist ein Pandämonium menschlicher Niederträchtigkeit, das Lenz in seinem Drama ausstellt. Deshalb werden die Soldaten auch zurecht als "Vorstufe" zu Büchners Drama von der gequälten menschlichen Kreatur Woyzeck gesehen. Bernd Alois Zimmermanns Opernversion des Dramas ist im Eindruck von deutscher Wiederbewaffnung und Kaltem Krieg auch als Anti-Kriegs-Oper entstanden. Das Werk sollte nach Zimmermanns ursprünglicher Vorstellung mit einem auf die Bühne projizierten Atompilz enden.
Da erstaunt es schon ein wenig, dass der Regisseur der Salzburger Produktion, der Lette Alvis Hermanis, sich deziziert gegen eine politische Inszenierung entschieden hat, weil er "Didaktik" auf der Bühne nicht mag. Stattdessen verlegte Hermanis, der auch das Bühnenbild gestaltete, die Handlung ins späte 19. Jahrhundert, zeigt stellvertretend für die beiden aufeinanderprallenden Welten einen plüschigen Biedermeier-Salon und eine Soldatenkaserne mit Stockbetten, Pferdestall und jeder Menge Heuballen (Hermanis spricht zwar davon, dass er die Handlung in die Zeit des 1. Weltkriegs verlegt habe, weil Zimmermann damit eigene Kriegserlebnisse verband - die Kostüme von Eva Dessecker aber wirken weitaus älter). In den Heuballen also suchen und finden sich Marie und Desportes. Dazu läßt Hermanis etwa ein halbes Dutzend Pferde in einer nach hinten verlegten, über die ganze Bühnenbreite sich erstreckenden Halle hin- und herführen. Er fand, wie er sagt, die Idee witzig, in der Felsenreitschule, das zu zeigen, für das sie ursprünglich gebaut wurde.
Immerhin, eine miefige Atmosphäre von nebeneinander vor sich hin vegetierenden Soldaten und Pferden erreicht der Regisseur dadurch und vielleicht soll so auch das Tierische der Soldaten verstärkt werden. Doch wirkt der historisierende Realismus in Verbindung mit der Modernität von Zimmermanns musikalisch-theatralischem Konzept der Simultanität der Szenen und des gesprengten Raum-Zeit-Kontinuums doch einigermaßen antiquiert und unpassend. Die fast während der gesamten Oper eingeblendeten historischen Nacktbildchen von Frauen aus den Anfängen der Fotografie setzen dem fragwürdigen Realismus-Konzept dann noch die lächerliche Krone auf.
Zimmermann sprach angesichts der Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in seinem Stück von der "Kugelgestalt der Zeit". Eine Entsprechung dazu hat die Inszenierung nicht anzubieten und wohl noch nicht einmal gesucht.
Die Mischung aus "Skrupellosigkeit, Verderbtheit und schrankenloser Genußsucht" in dieser Soldatenwelt hat Zimmermann schon in kaum zu steigernder Drastik in seiner Musik ausgedrückt. Mit einem "Soldatenchor" als vielstimmig koordiniert-unkoordiniertes musikalische Pandämonium menschlicher Widerwärtigkeit. Die Drastik und Schlagkraft seiner Musik erreicht Zimmermann immer wieder gerade durch diese wüst übereinander geschichteten, ineinander verschlungenen Stimmengeflechte, die durch die Simultanität mancher Szenen noch verstärkt wird. Aber auch durch die Exaltiertheit des Gesangs, der beinahe in jedem Wort extreme Intervallsprünge in kurzer Folge vorsieht. Das alles sowie ein überbordender Orchesterapparat inclusive ausladendem Perkussionsapparat machen die Kompliziertheit und Komplexität der musikalischen Faktur dieses Werks aus, das gleich ein zwei Dirigenten im Vorfeld der Kölner Uraufführung als unaufführbar abgelehnt hatten. In der ursprünglichen Version hätte man 7 Dirigenten benötigt, mit einer Vereinheitlichung der Taktstriche erzielte Zimmermann dann aber doch noch eine gewisse Vereinfachung.
Fast scheint es, als wollte man mit der biederen Realistik der Bühne die Drastik und Kühnheit von Zimmermanns Musik entschärfen, um sie so auch einem kulinarisch veranlagten Publikum wie dem Salzburger leichter konsumierbar zu machen. Zimmermanns schwieriges Werk - und dann noch in einer avantgardistischen Inszenierung, das wäre womöglich etwas zuviel gewesen, mag sich Alexander Pereira in seiner Intendantenschläue gedacht haben. Immerhin hat er dieses anspruchsvolle und alles andere als leicht zu realisierende Werk auf den Spielplan seiner ersten Saison in Salzburg gesetzt - und mit vier Auftragswerken, die ab dem kommenden Jahr bei denFestspielen uraufgeführt werden, akzentuiert er dezidiert die zeitgenössische Oper.
Eine Attraktion sind die Salzburger "Soldaten" jedoch in musikalischer Hinsicht. Ingo Metzmacher, der Salzburger Haus- und Hofdirigent für die Moderne (im vergangenen Jahr leitete er z.B. Nonos "Al gran sole", davor die Uraufführung von Rihms "Dionysos" und "Prometeo" wiederum von Nono) hat sich mit Haut und Haar der ausufernd schweren Partitur verschrieben, die er z.T. schon unter dem Uraufführungsdirigenten Michael Gielen studiert und ko-dirigiert (Chor) hat. Die Bedingungslosigkeit und Rigorosität seiner Interpretation hat sich auch auf die Musiker der Wiener Philharmoniker und das gesamte sängerische Personal übertragen, so dass einem manchmal der Mund offen steht angesichts der Wucht des musikalischen Ausdrucks und des bis an die Grenzen der stimmlichen Möglichkeiten gehenden Einsatzes der Sänger. "Es ist beinahe körperlich spürbar, wie sich die Stimmen im Schmerz über mehrere Oktaven verzehren", schreibt Metzmacher im Programmheft. Nicht nur die fantastische Laura Aikin vollzieht hier in bewundernswerter Weise eine Art musikalisches Überlebenstraining in der Ausgestaltung der missbrauchten Marie, mit deren Schmerzensschrei die Oper schließt (mit dem instrumentalen Pendant dazu beginnt das Werk übrigens auch). Auch Alfred Muff als ihr Vater, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Hauptmann Pirzel oder Gabriele Benackova als Gräfin de la Roche leisten stimmlich Überragendes. Wie das gesamte musikalische Personal ganz außerordentliche Leistungen bietet, inclusive des Chors.
So konnte denn das Salzburger Publikum gar nicht anders, als restlos begeistert zu sein von diesem zumindest musikalisch unter die Haut gehenden pandämonischen Spektakel über die Bestie Mensch. Wie heißt es bei Lenz: "Und müssen denn die zittern, die Unrecht leiden! Und müssen denn die allein fröhlich sein, die Unrecht tun!"
Man hätte dafür allerdings durchaus aktuellere Bilder finden können und müssen als eine Kavallerie im späten 19. Jahrhundert!
Robert Jungwirth
Weitere Vorstellungen am 24.,26. und 28. August. 3sat überträgt die Oper am 26.8. um 21.55 Uhr