Beim Zermatt Festival erklingt Musik auf bis zu 2200 Metern Höhe. Für hohe Qualität sorgte am ersten Festival-Wochenende der französische Countertenor Philippe Jaroussky.
(Zermatt, 4. bis 6. September 2009) Falsch liegt, wer glaubt, Zermatt sei ein kleines nettes Bergdorf irgendwo am südlichen Rand der Schweiz. So mächtig wie dessen Wahrzeichen, das Matterhorn, sind im Ort schon längst die Hotel-Chalets in fünfstöckige Höhen gewachsen. Falsch liegen aber auch jene, die den edlen Touristenort schon ein bisschen kennen und hier nur exquisite Erholung zu finden glauben. Zwischen Bergtouren mit oder ohne Gondelbahn, Boutiquen-Trip und diversen Entspannungsmöglichkeiten in den Wellness-Bereichen der Hotels hat sich langsam aber sicher eine weiterer Grund etabliert, den langen Weg in den hintersten Mattertal-Winkel zu unternehmen. Ein Musik-, nein ein Kultur-Festival, ist dabei hier zu erblühen. Die fünfte Ausgabe wurde am ersten Septemberwochenende eingeläutet. Zum dritten Mal hat Nicolas Bohnet die künstlerische Leitung inne.
Ein Ehepaar habe ihn kürzlich angerufen, erzählt Bohnet in der durchsonnten Lounge des Mont Cervin Palace Hotels. Ob man denn auch in Bergschuhen ins Konzert kommen könne. Nach der Sonntagsmatinée, traditionell in einer Kapelle auf der Riffelalp, also auf 2200 Metern Höhe, bietet sich nämlich eine Weiterfahrt auf den Gornergrat mit seinem herrlichen Rundblick geradezu an. Ein paar Dutzend Viertausender, darunter auch die Dufour-Spitze, der höchste Berg der gesamten Alpen, sind bei gutem Wetter zu sehen. Unter dem blauen Herbsthimmel glänzen, wie der Verfasser dieses Berichts selbst gesehen hat, die Gletscher besonders schön. Und außerdem lässt sich von dieser Aussichts-Plattform herrlich hinunter ins Tal wandern. Wanderschuhe im Konzert, das störe ihn überhaupt nicht, sagt Bohnet. Im Gegenteil, so würden die Gäste doppelt profitieren. Von der Musik und von den Bergen.
Noch sind die Räume nicht voll
So weit so gut. Trotz schönstem Herbst- und Wanderwetter war das Auftaktskonzert am 4. September aber nur zur Hälfte ausgelastet. Und das, obwohl ein überaus spannender Sänger, der französische Countertenor Philippe Jaroussky, mit einem Wunschprogramm auftrat. Ein Star gewiss, doch auch einer, der sich ganz in die drei Kantaten von Alessandro Scarlatti, dessen Zeitgenossen Giovanni Battista Bononcini und Nicola Porpora versenkte, ganz Musik war und sie aus dieser Konzentration direkt in den Raum projizierte. Seinem hellen, weichen, süßen Timbre liegen zärtliche Ausdruckslagen am ehesten. Aber nicht nur: die Identifikation Jarousskys steht auch, wenn sein Sänger-Ich in Aufregung kommt oder zornig wird wie etwa in Antonio Vivaldis Kantate "Cessate, omai cessate", dem einzigen bekannteren Stück an diesem von den Berliner Barocksolisten mehr als anständig begleiteten Konzert.
Jaroussky trägt mittlerweile einen über die Szene hinaus wohlklingenden Namen, da müsste auch ein solches, mit wenig Bekanntem aufwartendes, Programm "ziehen". Doch auch anderntags, es blies ein Blechbläserensemble aus zwölf Solisten der Berliner Philharmoniker Hits wie "Jesus bleibet meine Freunde" oder "I got rhythm", blieb in der Zermatter Mauritiuskirche manches Plätzchen leer. Bohnet stört das nicht: Er ist die Ruhe in Person. Er gibt seinem Festival "fünf bis zehn Jahre" Zeit, sich in der allmählich eng werdenden Gebirgslandschaft zwischen Verbier, Davos und zig anderen Musikfestivals zu etablieren. Das Geld für einen solchen langen Atem ist dank Großsponsor Crédit Suisse offenbar da.
Verschiedene Wege zum Gipfel: Kino, Festival Academy
Bohnet versucht auf verschieden Wegen, den Festival-Gipfel zu erreichen. Da gehören Experimente wie das populär ausgerichtete, aber zur Atmosphäre des Edelorts nur wenig passende Blechbläserkonzert dazu. Und Kino, eine persönliche Leidenschaft des Direktors. Nur: Trotz Anwesenheit des Regisseurs lief Denis Rabaglias "Azzurro" mangels Publikum nicht. Und "It's a free world" von Ken Loach wurde in dem kleinen, aber piekfeinen Club-Kino vor ganzen drei Nasen gezeigt. Durch das Kinoprogramm zieht sich die Immigranten-Thematik als hier auf dem Alpenpass durchaus sinnvoller roter Faden. Gezeigt wird unter anderem auch "Das Boot ist voll" von Markus Imhoof - ein Klassiker. Ist den Leuten möglicherweise die Zeit zu schade, im nicht gerade billigen Zermatt, ins Kino zu gehen, also eine Kunstgattung zu besuchen, die einen unwiderruflichen Touch von Massenmedium hat? Vielleicht. Aber es damit versuchen kann man ja trotzdem.
Zermatt hat auch eine Festival-Academy. Es wird also unterrichtet. Traditionell von Mitgliedern der Berliner Philharmoniker, die sich hier seit Beginn des Festivals vor fünf Jahren wohlfühlen. Zermatt hat zudem sein eigenes, aus Studierenden und Mitgliedern des Scharoun-Ensembles zusammengesetztes Festival-Orchester, ganz nach Luzerner Vorbild. Und es wird Kunst gezeigt, Workshops werden angeboten. Das volle Programm also. Gut, dass Bohnet seine Kernkompetenz, die Musik, dabei nicht aus den Augen verliert. Da setzt er auf Qualität und große Namen. Aber nur, wenn er selbst von diesen Namen auch überzeugt ist. Philippe Jaroussky überzeugte, ja, wie das vor einem Jahr Christian Zacharias und der Geiger Corey Cerovsek taten. Eingeladen für 2009 war auch die Sopranistin Annette Dasch, die aus persönlichen Gründen aber wieder absagte. Der Ersatz, die junge, kürzlich als "Lulu" in Basel überzeugende Marisol Montalvo, wird sich am zweiten Wochenende sehen und hören lassen. Mit Matthias Pintscher ist (nach Brett Dean) zudem wieder ein Composer in Residence verpflichtet worden. Auch daran, am gelebten Moderne-Akzent, will Bohnet festhalten.
Barockmusik auf 2200 Metern über dem Meer
Und dann sind da noch die kleinen Konzerte auf der Riffelalp, auf 2200 Metern über Meer. Ob mit oder ohne Bergschuhen - die kleine Kapelle ist ein ganz besonderer Ort. In dessen Intimität passte bestens die so originelle wie kurzweilige und oft in jähen Wechseln von einem Affekt zum anderen führende Streicherkammermusik von Georg Muffat und Johann Heinrich Schmelzer. Das "Concerto Melante", ein Barockensemble um den Geiger Bernhard Forck, ebenfalls mit Musikern aus dem Berliner Philharmonischen Orchester bestückt, ergötzte sein Publikum mit diesen eingänglichen Stücken. Und kontrastierte diese, durchaus sinnig, mit der teils geschliffeneren, teils aber ebenso kecke Einfälle verarbeitenden Kammermusik von Georg Philipp Telemann.
Sein Festival soll klein bleiben, bekennt Bohnet. Die Riffelalp-Kapelle für geschätzt hundert Zuhörer hat da genau die richtige Größe. Gerüchten zufolge, soll in Zermatt künftig aber auf noch höherem "Niveau" gespielt werden. Und zwar in der Monte Rosa-Hütte am Fuß des gleichnamigen Gletschers. Exklusivität zumindest wird dann garantiert sein. Und zwar im Publikum, denn die Hütte erreicht nur, wer über eine gute Bergsteigerkondition verfügt. Oder das Geld, sich ein Helikoptertaxi zu leisten.
Benjamin Herzog
Bis 20. September.
www.zermattfestival.com