Zauberhafte Zauberflöte

Stefanie Kunschke, Robert Sellier Foto: Görtnerplatztheater

Letzte Premiere von Henrik Nánási mit Mozarts "Zauberflöte" am Gärterplatztheater in der Regie von Rosamund Gilmore

(München, 7. Mai 2010) Wir wussten es ja schon immer, und Mozart hat es auch komponiert: dass die Drei Damen in der "Zauberflöte" ziemlich scharf auf den jungen schönen Prinzen Tamino sind. Wie direkt, ja nymphomanisch durchgeknallt und geradezu unter Drogen sie sich an den in Ohnmacht Gefallenen heranmachen und auch später vor lauter Aufregung nur noch spitze Schreie ausstoßen können, hat wohl kaum jemand so gezeigt wie Rosamund Gilmore in ihrer Neuinszenierung am Gärtnerplatztheater. Exaltiert Beine und Arme reckend, sich am ganzen Körper zuckend wie masturbierend "kratzend", eine den Speer, der die böse Schlange getötet hat, zwischen ihren Beinen reibend: Das alles war erzkomisch anzusehen und wurde bei jedem Auftritt der Drei Damen nochmal eine Schraube weitergedreht, zumal Sandra Moon, Sybille Specht und Rita Kapfhammer nicht nur lustvoll spielten, sondern auch ein prächtig singendes Terzett bildeten.

Es gab überhaupt viel zu lachen in dieser ganz und gar märchenhaften, oft bezaubernden Aufführung. Denn eine weitere bestechende Idee der ehemaligen Tänzerin und Choreographin Gilmore war es, Wesen mit Tierköpfen und Menschenkörpern zu erfinden, die schon in der Ouvertüre den Versuch unternahmen, auf zwei Beinen zu stehen und sich auch später immer wieder - letztlich vergeblich - darin übten, tanzend Rokoko-Menschen zu werden und vollgültige, individuelle Mitglieder der zivilisierten Gesellschaft. Diese Tier-Mensch-Kreaturen sind es denn auch, die sichtbar emotional beteiligt die Feuer- und Wasserprobe beobachten und sich "tierisch" freuen, wenn Pamina (Stefanie Kunschke mit immer mehr lyrischen Qualitäten) und Tamino (auch Robert Sellier findet im Lauf des Abends immer intensiver zu einem schönen, runden Mozartton) nur ein paar Russflecken abbekommen und etwas nass werden.

Kostümbilderin Nicola Reichert hat dieses Sextett aus Gorilla, Marabu, Warzenschwein, Hyäne, Schimpanse und Panther wunderbar ambivalent herausgeputzt, wie ihr auch bei den Drei Damen eine ebenso modische wie - in den Materialien Leder, dunkel glänzende Stoffe und Gaze - moderne Kleidung gelang. Nicht minder prägnant und anspielungsreich die zahlreichen anderen Kostüme, teilweise im Verlauf des Stücks vom Barock bis zu Empire sich wandelnd.

Rosamund Gilmore erzählt die "Zauberflöte" ebenso schlicht wie bezaubernd. Ein klassizistischer (Einheits-)Raum (entworfen von Friedrich Oberle), dessen Wände sich öffnen können, ist links mit einer mediterranen Fantasielandschaft bei Nacht und rechts einer ähnlichen bei Sonnenschein bemalt. Fenster und Türen öffnen sich wie von Zauberhand und werfen die Menschen auf die Bühne des Lebens mit den schier unmenschlichen Prüfungen, die Papageno und Pamina an den Rand des Suizids treiben. Oft wechselt das Licht, sind Figuren nur von der Seite oder durch einen Spot erleuchtet. Und fast immer dominieren wunderbar magische Blautöne in allen Schattierungen. Oft gelingen Rosamund Gilmore kleine, feine Momente: Da tanzen Pamina und Papageno ihr "Bei Männern, welche Liebe fühlen" als zarten Walzer und zwei der Tiermenschen ahmen sie dabei nach. Beim todtraurigem "Ach ich fühl's es ist entschwunden" im Angesicht des zum Schweigen verdammten Tamino ist endlich einmal eine Regung des Geliebten zu sehen, der Pamina ebenso im Gesicht berührt und ihre Tränen an den Fingern spürt, wie sie ihn! Ebenso schlicht wie berührend ist es, wenn Tamino und Pamina am Ende die scheußlichen braunen Kutten der Eingeweihten abwerfen, an der Rampe in andeutungsweise moderne Paartänze verfallen und sich am Ende lange küssen.

Dass Rosamund Gilmore auf Seiten all derer steht, die in dieser Oper noch auf der Suche sind, die auf der dunklen Seite des Lebens verharren, wie Königin, Drei Damen, Monostatos, Papageno, aber auch Tamino, zeigt sich daran, wie fad sie die Welt Sarastros inszeniert. Nun hatte aber auch Holger Ohlmann als Sarastro im gelben Talar, der bei ausgebreiteten Händen wie eine Sonne aus plissiertem Stoff aussieht, nicht seinen besten Tag. Dafür war der Männerchor als Priester umso präsenter und homogener im Klang.

Enormes komisches Talent und auch im Sprechen eine großartige Natürlichkeit und Prägnanz offenbarte Daniel Fiolka als Papageno. Ein Kabinettstück war es geradezu, wie er in "Ein Mädchen oder Weibchen" spielte, dass sich sein Glockenspiel verselbständigt und ihn in verschiedene Richtungen über die Bühne "zieht". Cornel Frey verlieh seinen kurzen Auftritten als Mohr Monostatos großartige Tenorbuffo-Qualitäten - nicht zuletzt in seiner wie ein Spuk aufblitzenden Arie. Dorothea-Maria Marx als Königin der Nacht tat sich mit ihrer ersten Arie noch etwas schwer, konnte in der zweiten dann mehr überzeugen und gestaltete deren Koloraturen fast wie ein irres Lachen.

Schon in der Ouvertüre war beim sehr konzentriert und einfach schön spielenden Orchester des Gärtnerplatztheaters zu hören, dass Henrik Nánási in seiner letzten Premiere an diesem Haus, das er mit Ende der Spielzeit verlässt, einen ebenso plastischen wie runden und im Sinne des historisch informierten Musizierens "sprechenden" Mozartton anstrebte. Später verblüffte er oft mit sehr flüssigen Tempi, die zwar nie gehetzt waren, aber in der Premierennervosität manchmal den Sängern zu schaffen machten.   

Bleibt der gelungenen Produktion zu wünschen, dass sich ihr Haltbarkeitsdatum Kurt Pscherers Version der "Zauberflöte" annähert (313 Vorstellung von 1972 bis 2000) und nicht den beiden unmittelbaren Vorgängern. Franz Winters kühne, karge Version hielt sich nur sieben Jahre, Frank Martin Widmaiers originelle Bearbeitung - ohne Chor in 100 Minuten - unter dem Titel "Die Entdeckung der Zauberflöte - Mozarts Oper neu erzählt" erlebte zum Ende der Ära Klaus Schultz gar nur ein paar Aufführungen in ihrem Premierenjahr 2007.

Klaus Kalchschmid

Nächste Termine: 9., 13., 17., 21. und 27. Mai 2010
www.gaertnerplatztheater.de


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