Internat Frankenstein

Georg Zeppenfeld (Sarastro), Julia Kleiter (Pamina) © Monika Rittershaus

Nikolaus Harnoncourt und Jens-Daniel Herzog eröffnen mit einer irritierenden "Zauberflöte" die Opernreihe bei den Salzburger Festspielen 

(Salzburg, 27. Juli 2012) Märchen kann man deuten, aber nicht erklären. Das macht ein Gutteil ihres Reizes aus. Natürlich gilt das auch für das Märchen der "Zauberflöte", dieses so unergründliche wie ewig erfolgreiche Singspiel, das Kinder fasziniert und das Erwachsene nicht "verstehen". Es ist die Crux dieses Stücks für jeden Regisseur, dass je näher er ihm analytisch kommt, es sich als Werk entfernt. Dieser Schwierigkeit kann man eigentlich nur entgehen, indem man konsequent auf Symbole und Phantastik setzt, wie das beispielsweise Achim Freyer in seiner sensationellen Salzburger Inszenierung vor etlichen Jahren getan hat.
Für ein derartiges Theater ist Jens Daniel Herzog vermutlich zu "rational" veranlagt, auch wenn er in einem Interview viel von "Zeitlosigkeit", "Freude am Spiel" und "Lust am Spektakel" erzählt. Er wolle das Stück "re-theatralisieren", eine "Spielanordnung für zeitlose Prinzipien" kreieren. 

Nun ist es nicht so, dass Herzog das - vor allem dank wunderbarer Sängerschauspieler (vor allem Markus Werba als Papageno) - nicht auch gelingen würde. Aber nur teilweise. Denn Herzog und sein Bühnen- und Kostümbildner Mathis Neidhardt unterlaufen ihre eigenen Prämissen, indem sie den inszenatorischen Fokus auf die Sarastrowelt legen und diese als eine Mischung aus Menschenzuchtanstalt à la Frankenstein und Kaderschmiede mit angegliedertem Internat vorstellen. Sarastro ist ein Wissenschaftszombie in weißem Kittel. Aus dem Hinterkopf ragt ihm ein schwarzer Schlauch, der irgendwo im Kittel verschwindet. Vorne auf der Brust blinkt als eine Art künstliches Herz der Sonnenkreis. Gehirngewaschen wie er sind auch alle anderen Bewohner dieser Sarastrowelt: die dressierten Schülerchen in Schuluniform, die Monostatos unterstehen und Sarastros "Gralsritter", die ebenfalls weiße Kittel tragen und über die Menschen(verbesserungs)experimente  vor allem jene, die Pamina und Tamino durchlaufen müssen - akribisch Buch führen. Mit diesem wissenschaftskritischen Ansatz, mit dem Herzog den Regelfetischismus Sarastros karikiert, schlägt er sich als Regisseur auch selbst der "rationalistischen" Fraktion zu. Denn die heiter bis tragischen Szenen von Papageno und Pamina - die beiden menschlichsten Figuren - wirken hier recht verloren. Und die Königin der Nacht  mit fantastisch klarer Stimme: Mandy Fredrich - wirkt in ihrem zopfigen Witwenkostüm (gleiches gilt für ihre "Drei Damen") wie aus einer anderen Inszenierung herübergeweht. Disparat im Gesamtkontext wirkt manches hier, etwa das "lustige" dreirädigige Lieferauto mit der Aufschrift "Vögel und Delikatessen", mit dem Papageno hereingefahren kommt und in dem die erlegten Vögel hängen.

Auch der Humor Papagenos verpufft hier weitgehend, zumal in den Weiten dieser labyrinthischen Bühnenkonstruktion, die die Steinarchitektur der Felsenreitschule aufgreift und daraus mit Türen versehene Versatzstücke bildet, die hin- und hergeschoben werden können und wiederum verschiedene kleinere Räume bilden. Gäbe es nicht immer wieder wunderbar innige kammerspielartige Szenen (Pamina-Papageno), diese Zauberflöten-Inszenierung wäre ebenso "blutleer" wie dieser Frankenstein-Sarastro - den Georg Zeppenfeld übrigens überaus passend ganz und gar nicht balsamisch, sondern eher kernig, fast schnarrend singt. So hat man kaum jemals einen so existenziell durchleuchteten und gebeutelten Papageno erlebt, den Markus Werba, darstellerisch und sängerisch überragend, gewissermaßen zur Hauptfigur des Stücks macht. Als Tamino ihn verlässt und er in der Palastanlage Sarastros plötzlich alleine ist, spürt man die existenzielle Verlorenheit dieses "Naturmenschen". So eindringlich hat man das noch nicht gesehen. Auch Papageno durchläuft hier eine Entwicklung, er ist nicht einfach der tumbe Waldmensch, der nur seine Witze reißt. 

Die Größe des Raums trägt freilich noch dazu bei, die eigenartige Paradoxie dieser Aufführung zu unterstreichen: Das Zaubertheater, das man gerade hier hätte erwarten und inszenieren können, gibt es, abgesehen von einem kleinen Feuerwerk beim ersten Auftritt der nächtlichen Königin, nicht. Dafür unerwartete kammerspielartig intensive Highlights, in denen Nikolaus Harnoncourt Sänger und Orchester zu einer in dieser Arena kaum für möglich gehaltenen Einheit und Intimität verschmelzen lässt - Julia Kleiter findet nach anfänglichem Forcieren zu wunderbar natürlichem Stimmglanz, gleiches gilt für Bernard Richter als Tamino. (Die Größe des Raums und der Bühne hat beide wohl zu Beginn dazu veranlasst, möglichst laut sprechen und singen zu wollen.) 

Auch der Altmeister der historischen Aufführungspraxis geht diesmal reichlich nüchtern zu Werke. Die defensiven, ja mitunter fast matt klingenden Streicher des Concentus Musicus treten zugunsten eines immer wieder scharf-akzentuierten Bläserklangs zurück, was eine geradezu bedrohliche Atmosphäre - durchaus passend zur Szenerie - erzeugt. Kaum je hat man die herzlose Grausamkeit des Prüfungsrituals so beklemmend erlebt wie in dieser Aufführung. Die Tempowahl Harnoncourts ist mitunter etwas ungewohnt, vor allem aber "erlaubt" er sich oft kleine Zäsuren, die den "Gewohnheitshörer" etwas irritieren, die Spannung erhöhen, aber den Fluss behindern. Faszinierend jedoch, wie Harnoncourt selbst mit minimalsten Gesten Spannung, Expressivität und eine unglaubliche Präzision kreiert.
Etwas irritiert reagierte auch das Publikum am Ende, das sich nicht recht zum großen Jubel durchringen konnte. Es blieb bei respektvollen Beifallsbekundungen und zögerlichen Buhs für den Regisseur.

Robert Jungwirth

Arte überträgt die Oper am 30. Juli um 20.15 Uhr


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