Kraftvoll scheu

Yuja Wang Foto: Felix Broede/DG

Yuja Wangs Klavierabend in München

(München, 11. Mai 2009) Wenn der 22jährige chinesische pianistische Nachwuchsstar Yuja Wang am Flügel sitzt und sich in die Tasten wühlt, dann wirkt sie sicher und souverän. Wenn sie zum Flügel geht - in etwas zu hohen Pumps - dann wirkt das deutlich weniger souverän. Überhaupt, die Bühnenpräsenz der Chinesin ist noch etwas unterentwickelt. Man sieht eine junge Frau, beinahe ein Mädchen Klavier spielen, und wenn sie damit fertig ist, scheint es als wolle sie so schnell wie möglich von der Bühne runter. Ein flüchtiger Blick ins Publikum, das war's. Dabei hätte das Münchner Publikum diesem seltsam scheuen Wesen, das so kraftvoll und gar nicht scheu bei den Brahms-Variationen über ein Thema von Paganini oder in der Petruschka-Suite von Strawinsky zupacken konnte, gerne etwas ausführlicher beklatscht und bestaunt. Denn staunenswert ist es allemal, was Yuja Wang an pianistischen Fähigkeiten und tief empfundener Musikalität aufzubieten hat.

Und die 22-Jährige scheint zu wissen, was sie will. Selbst arrivierte Pianisten würden sich nicht ohne weiteres an ein Programm wie dieses heranwagen und ihren Klavierabend mit vier Scarlatti-Sonaten beginnen, um daraufhin zu Brahms' abenteuerlich schweren Paganini-Variationen überzuwechseln. Für Yuja Wang kein Problem. Mit kraftvollem Anschlag und 100% Griffsicherheit wirbelt sie durch diese virtuosen Variationen, die technisch zum Anspruchsvollsten gehören, was fürs Klavier je geschrieben wurde. Eine Art Tornado fegt da über die Tasten, und man glaubt es kaum, dass die zierliche Person am Flügel, diese Klangkaskaden produziert. Wie um sich als eindeutige Virtuosin zu qualifizieren, spielt sie sogar beide Hefte mit je 14 Variationen. Eine reife Virtuosenleistung, die gleichwohl nichts Andressiertes hat, sondern auch die musikalische Essenz stets im Auge, resp. Ohr behält.

Kontraste, schnelle Wechsel in Tempo und Ausdruck, dies scheint Yuja Wang besonders zu faszinieren und zu interessieren. Auch Skrjabin hat hier einiges zu bieten. Mit Verve und Hingabe wirft Wang sich in die Stimmungswechsel der zweiten, 1897 vollendeten Sonate (gis-moll, op.1) hinein, lässt die Bässe bedrohlich grummeln und den Lyrismus singen, um in ein rauschhaft expressives Presto-Feuerwerk zu münden.
Ein wenig zerhackt dagegen wirkt die vierte Sonate (Fis-Dur, op.30) mit ihren minimalistischen Aufschwüngen, die schneller vorbei sind als sie aufgebaut werden. Hier gelingen Wang keine überzeugenden Übergänge, bleibt die Faktur der Komposition etwas zerfranst und zerfasert.

Ähnlich der Eindruck in den "Drei Sätzen aus Petruschka" von Igor Strawinsky, wiewohl die technische Beherrschung bei Yuja Wang außer Frage steht. Es ist vielmehr eine seltsame Flüchtigkeit und ein fast hopsender Gestus, duch die sie die mitreißende Motorik der Stücke irgendwie zu sehr verharmlost. Wie viele Orchesteraufnahmen mag Yuja Wang von diesem Stück wohl schon gehört haben? Womöglich nicht genug, um die Themenvielfalt dieser überbordenden Partitur wirklich klar modellieren zu können? Hier stand der pianistische Effekt doch zu sehr im Vordergrund.
Dennoch war dieser Abend eine beeindruckende Kostprobe eines außergewöhnlichen Talents, und die viel versprechende Zukunft Yuja Wangs wird zweifellos noch viel Anlass zum Staunen bieten.

Robert Jungwirth