
Am 11. Mai gibt der neue Star am Pianistinnen-Himmel, die Chinesin Yuja Wang einen Klavierabend in München - im KlassikInfo-Interview erzählt sie von ihrer Kindheit in China, ihrer Ausbildung im Westen und ihrem Faible für euopäische Städte
Mit Klängen aus Tschaikowskys "Nussknacker" und "Schwanensee" wuchs Yuja Wang inmitten von Beijing auf. Es war die erste westliche klassische Musik, die sie in China hörte. Damals war sie drei oder vier Jahre alt und ihre Mutter versuchte, bei der kleinen Tochter Interesse für die Musik, die ihre Leidenschaft ist, zu wecken. "Meine Mama ist Tänzerin im chinesischen Ballett und wollte natürlich, dass ich auch Tänzerin werde", erzählt die 22jährige Pianistin, die seit zwei Jahren auf den Podien der Welt für Furore sorgt. Ihr München-Debüt gibt sie am 11. Mai, 20 Uhr, im Herkulessaal mit Werken von Skrjabin, Strawinsky, Brahms und Scarlatti.
"Ich war zu faul", kommentiert Yuja Wang zurückblickend die Berufswünsche ihrer Mutter und gibt zu bedenken, dass Tänzerinnen-Karrieren auch extrem kurz sind. Auch dem Papa, der Schlagzeuger ist und der sich dem Jazz und der Pop-Musik verschrieben hat, wollte sie nicht nacheifern. Yuja wählte das Klavier und bekam als Sechsjährige ersten Unterricht.
Schon ein Jahr später wurde sie an Beijings Central Conservatory of Music aufgenommen und blieb dort sieben Jahre lang. "Meine Lehrerin war wunderbar. Sie selbst hatte in Russland studiert, war sehr intuitiv, sang und tanzte beim Unterricht, um mir die Musik nahe zu bringen. Sie war unglaublich musikalisch und hat mich gelehrt, dass die Atmosphäre, der Charakter, die Farbe und die Stimmung eines Musikstückes im Vordergrund stehen. Die Technik kommt hinterher. Das war ein guter Start."
Als Teenager, mit 14 Jahren, wurde Yuja Wang nach Kanada geschickt und landete bereits ein Jahr später am Curtis Institute of Music in Philadelphia. Dort studierte sie fünf Jahre lang mit Gray Graffman, der auch Lang Langs Lehrer war.
Ohne Eltern, direkt aus China in die USA verpflanzt zu werden, war das nicht ein Kulturschock? Yuja Wang lacht: "Ich liebte es, mit mir allein zu sein, meinen Frieden zu haben. Niemand, der mir sagte, was ich machen musste..." Pubertäre Abnabelung im richtigen Moment, so scheint es. Denn Yuja wusste offenbar selbst, was sie zu tun hatte.
Sie genoss die neue Art der Ausbildung, die intellektuellere, objektivere Auseinadersetzung mit der Musik. "Ich lernte genau hinzuschauen und die Intentionen des Komponisten im Notentext zu suchen. Ich lernte die Symphonien von Mahler kennen, Musik von Richard Strauss und zeitgenössische Werke. Außerdem machten wir dort viel Kammermusik, was wunderbar war."
2008 schloss die junge Chinesin ihre Studien ab. Da hatte sie erste Preise und erste große Konzerte schon hinter sich. Etwa ihr Europa-Debüt 2003 beim Zürcher Tonhalle Orchester unter der Leitung von David Zinman. Darüber hinaus Konzerte mit dem New York Philharmonic, dem Chicago Symphony, dem Houston Symphony, dem San Francisco Symphony Orchestra oder auch dem NHK Symphony Orchestra in Japan, den St. Petersburger Philharmonikern oder dem China Philharmonic Orchestra in ihrer Heimatstadt Beijing.
Für einen ganz entscheidenden Schub sorgte ihr Einspringen für die große Martha Argerich 2007 in Boston. "Ich hatte Martha Argerich kurz vorher in Philadelphia gehört, sie auch kennen gelernt und ihr vorgespielt. In Boston durfte ich dann unter Charles Dutoits Leitung für sie einspringen, in der berühmten Musikhalle, in der Rachmaninow gespielt hatte."
Das war eine Riesen-Chance, eine Riesen-Herausforderung, vielleicht auch ein großes Risiko? Die 22Jährige lächelt: "Ich habe nicht viel nachgedacht, damals, ich war noch jung..." Yuja Wang spielte Tschaikowskys erstes Klavierkonzert und der Erfolg bescherte ihr gleich weitere Einspringer für illustere Kollegen: Evgeny Kissin, Yefim Bronfman und Murray Perahia.
Gibt es pianistische Vorbilder für die junge Virtuosin, die sich das Klavier aussuchte, weil es die Farben des Orchesters vereinigt? Spontan nennt sie Glenn Gould, Sergej Rachmaninow, Albert Cortot, Vladimir Horowitz, György Cziffra, aber auch Ivo Pogorelich oder Evgeny Kissin. "Meine chinesische Lehrerin liebte Kissin sehr. Nachdem er als 11Jähriger Karajan Chopin vorgespielt hatte, musste ich auch mit elf Jahren Chopin spielen", erinnert sich Yuja Wang.
Kein Wunder, dass Chopin noch immer zu ihren Favoriten gehört. Aber genauso begeistert sie sich für Prokofjew oder Strawinsky, für Scarlatti oder Beethoven und für spanische Musik. Gern möchte Yuja Wang in Zukunft mehr Kammermusik machen, sich mit Zeitgenössischem auseinandersetzen und sich vielleicht auch ein bisschen im Jazz umsehen..." Ich interessiere mich fürs Schlagzeug." Da schlägt wohl doch der Papa durch.
Wenn sie nicht selbst spielt, dann hört die Pianistin am liebsten Symphonisches, Opern, Jazz oder auch Schubert-Lieder "mit Fischer-Dieskau und Schwarzkopf".
Lebenserfahrung spielt bei der Interpretation der Musik keine unwesentliche Rolle. Yuja Wang meint dazu: "Manchmal fühle ich mich alt. Ich glaube, ein Teil von mir war immer sehr reif, musikalisch reif und erfahren. Es gibt zwei Seelen in meiner Brust, denn ich bin auch die 22Jährige, die viel Spaß hat." Nicht Shoppen und Movies anschauen, wie es in New York, wo sie lebt, gang und gäbe ist. "Ich gehe lieber in die New Yorker Museen oder rede mit meinen Freunden." Auch wenn das oft nur via Facebook zu bewerkstelligen ist, denn viele ihrer Freunde leben in Europa.
Sie genießt es auch immer wieder, in die alte Welt zu kommen, sich mit hiesiger Architektur und Geschichte zu beschäftigen. "Ich fühle, dass ich ein Lächeln im Gesicht habe, wenn ich durch eine europäische Stadt bummele", bekennt Yuja Wang. Vielleicht wird sie demnächst einen zweiten Wohnsitz in Paris einrichten oder sogar ganz übersiedeln - der Liebe wegen. Ihr Freund lebt dort und arbeitet als Filmproduzent.
Familie und Kinder - all das kann sich Yuja Wang für die Zukunft neben dem Klavier durchaus vorstellen. Denn sie weiß, dass das wirkliche Leben auch ihr Spiel nur reicher machen wird.
Gabriele Luster
Karten für das Konzert am 11. Mai im Münchner Herkulessaal unter:
http://www.winderstein.de/html/nextconcerts.php?menu=concerts
Tonbeispiel: Yuja Wang spielt den Beginn der b-moll-Sonate von Frédéric Chopin aus ihrer aktuellen CD mit Werken von Chopin, Skrjabin, Ligeti und Liszt (h-moll-Sonate), erschienen bei Deutsche Grammophon