Philharmonisches Debüt mit Musik der Trauer

Yannick Nézet-Séguin Foto: Borggreve/EMI

Der 34jährige kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin dirigiert bei der Mozartwoche in Salzburg am Wochenende zum ersten Mal die Wiener Philharmoniker

Am letzten Wochenende der Mozartwoche 2010 kommt es zu einer mit Spannung erwarteten künstlerischen Erstbegegnung: Der junge kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin wird am 30. Januar im Großen Festspielhaus (19.30 Uhr) erstmals an das Pult der Wiener Philharmoniker treten. Und dies mit einem überaus anspruchsvollen Programm von Vokal-Instrumentalmusik, in dem die "Lieder der Schwermut und Trauer" op. 18 des Artist in Residence der Mozartwoche, György Kurtág, mit Mozarts Requiem in Verbindung gesetzt werden. Gemeinsam mit den Philharmonikern werden der Rundfunkchor Berlin und das Solistenquartett Dorothea Röschmann (Sopran), Birgit Remmert (Alt), Michael Schade (Tenor) und Franz-Josef Selig (Bass) unter Nézet-Séguins Leitung zu hören sein.

14 Jahre lang, von 1980 bis 1994, hat György Kurtág an den "Liedern der Schwermut und der Trauer" op. 18 für Chor und Instrumentalensemble gearbeitet und in der für diesen behutsamen und feinsinnigen Komponisten typischen Art und Weise vieles wieder verworfen, umgearbeitet und neu gestaltet. Kurtág vertonte die Texte russischer Lyrik von Mikhail Lermontov, Aleksandr Blok, Sergei Esenin, Osip Mandelstam, Anna Achmatova und Marina Tsvetayeva nicht im herkömmlichen Sinn, sondern ging ihnen mit großem Respekt vor der Dichtkunst auf den Grund, fasste das Unaussprechliche und hinter den Worten Liegende in musikalische Klänge und schuf so eine zweite Dimension zur Literatur. Die Vokalstimmen verschmelzen mit "atmenden" Instrumenten wie vier Bajans, mehreren Blechblasinstrumenten und einem Harmonium. Eine besondere Herausforderung stellt die programmatische Koppelung von Musik Kurtágs und Mozarts für Yannick Nézet-Séguin dar, dessen Erstauftritt mit den Philharmonikern sich in seine Serie von Debüts mit traditionsreichen Klangkörpern, dem Cleveland Orchestra, den Berliner Philharmonikern und dem Gewandhausorchester Leipzig, einreiht. Mit Sakralmusik von Mozart war Nézet-Séguin bereits im Rahmen der Festspiele 2008 mit einer Aufführung der c-Moll-Messe zu hören. Im vergangenen Jahr wurde der Musikdirektor der Rotterdamer Philharmoniker (als Nachfolger von Valery Gergiev) und Erste Gastdirigent des London Philharmonic Orchestra in der britischen Metropole mit dem Royal Philharmonic Society Award ausgezeichnet. Als Operndirigent feierte Nézet-Séguin jüngst an der Metropolitan Opera in New York mit einer Kino-Live-Produktion von Bizets "Carmen" einen durchschlagenden Erfolg.   

Zehn Jahre war Yannick Nézet-Séguin alt, als er seinen Eltern mitteilte, dass er Dirigent werden möchte - beeindruckt von der Gestik und der mächtigen Erscheinung von Charles Dutoit, den er im Fernsehen mit dem Montreal Symphony Orchestra erlebt hatte. Die Eltern, Mathematiklehrer von Beruf, nahmen ihn zunächst nicht ernst. Doch der Junge ließ nicht locker. "Es war eine religiöse Berufung. Ich konnte dem nicht entgehen." 1995 begann er ein Studium am Konservatorium zu Québec in den Fächern Klavier, Komposition und Dirigieren. Parallel dazu ließ er sich am Westminster Choir College in Princeton ausbilden.

Als "brillantes Chamäleon" wird Yannick Nézet-Séguin heute bezeichnet, als ein Musiker, der unterschiedlichstes Repertoire beherrscht, von Monteverdi bis hin zu Alban Berg. Seine musikalischen Vorstellungen vermittelt er gerne anhand von Farbanalogien, räumt aber ein, dass man als Dirigent "nicht zu viel reden sollte". Er werde oft als ein "physisch sehr präsenter Dirigent" beschrieben, vielleicht, "weil ich mich viel bewege". Gleichzeitig wünscht er sich, dass sich dies mit dem Alter legt, schließlich gehe es nicht um ihn, sondern um musikalische Wahrhaftigkeit. Man dürfe eben nie über die eigenen Gesten nachdenken, hat ihm bereits Carlo Maria Giulini eingeschärft, bei dem er ein Jahr in die Lehre ging. "Heute denke ich fast jeden Tag an diese Zeit und bin dankbar, dass ich so viel lernen durfte. Ich war in seinen letzten Konzerten, es war magisch, mystisch. Schon lange ging es nicht mehr nur um Schönheit, sondern um die Essenz der Kunst. Ich analysierte seine Bewegungen, seine Kommentare. Ich suchte all das Erlebte auf meinen jungen Geist zu übertragen - auch in technischer Hinsicht, was mir natürlich damals nicht gelang."

Musik ist Yannick Nézet-Séguin geradezu körperliche Notwendigkeit. "Ob Bach, Händel oder Mozart, es ist wie eine Droge." Die Musiker arbeiten gerne mit Yannick Nézet-Séguin, sie schätzen seine effiziente Probenarbeit und den Umstand, dass er sich nicht von seinem Ego bestimmen läßt. "Ja, ich möchte Menschen überzeugen, sie so infizieren, dass wir gemeinsam einen hohen Level an Energie erreichen können. Und wenn ich dann spüre, wie die Menschen im Saal innehalten, wenn wir spielen, dann ist das irgendwie ein magischer Moment."
Er mag es nicht, wenn man sagt, ein Orchester habe nur eine Stimme und damit die Lesart des Dirigenten meint. "Nein, es sind hunderte!" Hunderte Stimmen wird Yannick Nézet-Séguin auch den Wiener Philharmonikern entlocken, mit denen er erstmals in der Mozartwoche 2010 auftreten wird. Er freut sich über die Ehre und über das vielschichtige Programm. Er glaubt an einen "anderen Zugang" zur Musik, wenn man Komponisten, die scheinbar nichts verbindet, programmatisch aneinander koppelt, wie etwa György Kurtágs "Lieder der Schwermut und der Trauer" und Mozarts Requiem.
Seinen rasanten Aufstieg als Dirigent sieht Yannick Nézet-Séguin indes gelassen. Er sei auf "solidem Hintergrund" gebaut und wird so schnell "nicht außer Kontrolle geraten".
Teresa Pieschacon Raphael

Samstag, 30. Januar, 19.30 Uhr, Großes Festspielhaus: Orchesterkonzert
Wiener Philharmoniker
Rundfunkchor Berlin
Dirigent: Yannick Nézet-Séguin
Solisten:
Dorothea Röschmann, Sopran
Birgit Remmert, Alt
Michael Schade, Tenor
Franz-Josef Selig, Bass

György Kurtág: Lieder der Schwermut und der Trauer op. 18
Mozart: Requiem KV 626

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