Beat Furrers Musiktheater "Wüstenbuch" in Basel uraufgeführt, Regie hatte Christoph Marthaler
(Basel, 15. März 2010) "Entschleunigung" war eines der Stichworte, die man im Anschluss an die Uraufführung von Beat Furrers Musiktheater "Wüstenbuch" in Gesprächen hören konnte. Das Stück, ein Auftragswerk des Theater Basel und der Vontobel-Stiftung, hatte im Musical-Theater Basel Premiere. Es ist eine Koproduktion mit den Berliner Festspielen und den Wiener Festwochen.
"Entschleunigung" - das gedrosselte Zeitmaß kommt dem gehetzten Hörer entgegen oder reizt den an Drive und Tempo Gewohnten wie quälende Trägheit. Oder: Es passiert beides. Zum Beispiel so: Man ist zunächst von der scheinbaren Reizarmut dieser Musik und dieser Inszenierung irritiert. Eineinhalb Stunden können sehr lang sein. Die Gedanken sind schon beim Danach. Doch dann schaltet die Wahrnehmung einen Gang tiefer, wird feiner. Das Stück hat einen eingefangen. Und man bemerkt, dass die Musik des Schweizer Wahlwieners Furrer sich keineswegs an eine simple Reduktions-Archaik verraten hat.
Vielmehr webt sie ein konsistentes und mit leisen Veränderungen durchwirktes Klangband. Das sich aber auch zu Momenten heftiger Akkordik hin entwickeln kann. Aus dem sich einzelne, der Begriff liegt nahe, "Arien" herausschälen (ohne dass man allerdings viel vom Text verstünde). Zum Beispiel in einem intensiven Dialog von Sopran und Kontrabass - einer der Höhepunkte des Stückes. Die Partitur vermag die Klangfarben von Chor (Les Solistes XXI) und Orchester zu einem schillernden, kaum analysierbaren Ganzen zu vereinigen. Gespielt und gesungen wurde unter der Leitung des Komponisten. Kongenial disponiert dabei: das Klangforum Wien.
Reizarmut. Das gilt auch für Marthalers Inszenierungsstil. Da bleibt sich der Schweizer Regisseur treu. Wir sehen ein halb fertiges, halb herunter gekommenes, südländisch anmutendes Hotel (Bühne: Duri Bischoff). Im Untergeschoss vergammelt das Mobiliar, verdorren Pflanzen und blühen die Neurosen. Oben dagegen wird gewohnt, werden Koffer gepackt und ausgepackt. Man kommt, frau geht. Das Leben - ein Vorübergehendes. Unsere Existenz: die ewige Wiederholung des Gleichen. Kein Wunder, schläft der eine oder die andere dabei auch gerne mal ein. So auch - zum hübschen Schein - das auf der Bühne positionierte Orchester.
Die literarische Ausgangslage für Furrers "Wüstenbuch" liegt bei Jan Assmanns damals Aufsehen errender Übersetzung altägyptischer Texte, genauer des Papyrus "Berlin 3024". Hier spricht ein Mensch vom Tod, dem großen Bruder des Schlafes. Hochpoetisch und doch nüchtern - angesichts des Letzten spielen solche Kategorien keine Rolle mehr. Bezeichnenderweise wird dieser Text nicht gesungen, sondern gesprochen: "Der Tod steht heute vor mir, wie wenn ein Kranker gesund wird, wie das Hinaustreten ins Freie nach dem Eingesperrtsein." In seiner Modernität steht Solches den Beiträgen von Händl Klaus oder Ingeborg Bachmann, die das Furrer-Stück durchziehen, in keiner Weise nach.
Die Figur Bachmanns durchwandert denn auch - multipel und kettenrauchend (Bachmann verbrannte in einem Hotelbett in Rom) - das Stück. Entpuppt sich als Figur, die im Absurden, Krampfhaften stecken bleibt und doch stets weitergeht. Dafür findet Marthaler die besten Bilder. Eine Frau tanzt mit dem Feuerlöscher wie mit einem Baby. Am Schluss kommt statt Löschschaum Muttermilch aus der Tülle. Eine andere verkriecht sich unter dem Sofa, bleibt unter dem bürgerlichen Zweisitzer eingeklemmt. Einer, in dem Stück gibt es auch Männerrollen, scharrt mit den Füßen, auf einem Stuhl sitzend, ein Fortkommen ist da nicht möglich. Es sind diese elliptischen Szenen und epileptischen Momente, diese hektische Verzweiflung in der Ruhe, und zwar sowohl in Musik wie in Szene, die dem Stück seine eigenartige Gespanntheit verleihen.
Als Musiktheater tritt "Wüstenbuch" aus dem Reigen der Uraufführungen heraus. Das mag an der sub-nervösen Entspanntheit liegen, mit der Furrer die großartigsten Texte in seine Musik einbettet, ohne die Verständniskeule zu schwingen. Oder an der Ausarbeitung von Details, musikalischen Dialogen, Chor- oder Instrumentalsequenzen, die aus dem flirrenden Licht des Musikstroms hervortreten. Deutlich, aber eben doch eingebettet ins Ganze. Wird, in der klassischen Arie, die Zeit zum "wundersamen" Ding, bleibt stehen, so rinnt sie hier unaufhörlich weiter.
"Wüstenbuch" ist ein Stück, worin die Absurdität und Schönheit des Todes ineinanderrieseln. Langsam, "entschleunigt", vielleicht. Aber mit der schillernden Feinheit und der Konsequenz einer Sanduhr.
Benjamin Herzog