Geschundene Seelen

"Der Mensch ist ein Abgrund..." Georg Nigl als Wozzeck, Andreas Conrad als Haupt­mann und Wolfgang Bankl als Doktor Foto: Ruth Walz

Alban Bergs "Wozzeck" bei den Wiener Festwochen

(Wien, 15. Mai 2010) Wien hatte in den letzten Jahrzehnten zwei "Wozzeck"-Inszenierungen, beide an der Staatsoper und beide in naturalistischer Manier. Die Wiener Festwochen bescheren der Stadt nun im Theater an der Wien eine neue Produktion, die zwar so ganz neu nicht ist, aber doch hierzu­lande unbekannt genug, um eine Aufführung zu rechtfertigen. Und es entspricht auch irgendwo der Philosophie der Festwochen, Produktionen von auswärts zu importieren: Stéphane Braun­schweig hat vor sieben Jahren in Aix-en-Provence einen "Wozzeck" erarbeitet, der dann kurz vor der Premiere einem Streik zum Opfer fiel. Die Produktion wurde dann bei den damaligen Koproduzenten in Lyon und später Lissabon gezeigt. Nun kehrt sie - in Sté­phane Lissners Hände zurückge­legt und neu einstudiert - in Wien ein. (Lissner war 2003 Intendant des Festivals von Aix-en-Provence; seit 2005 zeich­net er für das Musiktheater-Programm der Wiener Festwochen verantwortlich. Und da er auch Leiter der Mailänder Sté­phane- Lissner-Depen­dance ist, folgt im Juni "Lulu" als Kopro­duktion mit dem Teatro alla Scala und der Opéra de Lyon.

Alban Bergs "Wozzeck" gehört wahrscheinlich zu den wenigen Opern, die von Inszenierungsmoden kaum tangiert werden. Es mag - wie bei Braunschweig - Kostümanspielungen auf den 1. Weltkrieg, die Zeit der Ent­stehung der Oper, geben, aber entscheidend ist das für den Modus und die Aussagekraft der Um­setzung nicht. Wichtig ist vielmehr, daß die Inszenierung mit einem Minimum an Ausstattung auskommt: Auf der leeren Bühne steht ein Sessel, auf dem, wenn die Musik beginnt, Marie mit dem kleinen Buben Platz nimmt. Wozzeck wendet sich ihr zu, als plötzlich im Hintergrund der Haupt­mann sicht- und hörbar wird (der am Ende der Szene ebenso unvermittelt wieder ins Dunkel verschwindet).

Stefan Nigl und Angela Denoke Foto: Ruth Walz


Das Innere der Personen wird zum tragenden Moment der Aufführung; es setzt  sich bis in die vor offener Bühne erklingenden Orchester-Nach­- und -Zwischen­spiele hinein fort, die der Regisseur einfühlsam zu psychogrammatischen Kommentaren nutzt. So entsteht ein in stetem Fluß befindlicher großer Bilder­bogen, der durch die Zwischenmusiken als gleichsam tönenden und vorsichtig bebilderten Scharnieren zusammen­gehalten wird. Gespielt wird ohne Pause; die drei Akte sind nur durch kurze lichtlose Unterbrechungen voneinander getrennt. Und so wie schon die erste Szene mit der Rasur des Hauptmanns wie eine traumhafte, aus der Realität herausgenommene Rückblende erscheint, wird auch die Wirtshausszene zum be­drängenden Albtraum, ehe die Wirklich­keit Wozzeck in der Kaserne umso blutiger einholt.

Hier wird also keine grelle Milieustudie betrieben, sondern die Handlung durch­wegs in unwirkliche Pastelltöne getaucht, die den Personen nichtsdestotrotz scharfe Konturen verleihen. Georg Nigl setzt die gehetzte Sprachlosigkeit der Titel­figur beängstigend dicht um, und führt eine leidende Kreatur vor, deren Aufbe­gehren irgendwo im Inneren steckenbleibt und die zu nicht mehr fähig ist als zur Zerstörung ihrer selbst und der geliebten Person. Angela Deno­ke spielt eine lebenstüchtige Marie, die in ihrer "Normalität" dem gestandenen Manns­bild von Tambourmajor verfällt, und findet fürs Singen dieser Partie eine reiche Ausdruckspalette.
In dieser Oper treten um Wozzeck herum mit Ausnahme des draufgängerischen Tambourmajors (unplakativ: Volker Vogel) eigentlich nur ver-rückte Männer auf, die mit dem Leben ebenso wenig zurechtkommen wie er, aber - wie im wirklichen Leben - sich hinter der "Wichtigkeit" ihrer gesellschaftlichen Funk­tionen verstecken können. Rollenfüllend tun dies Andreas Conrad als Haupt­mann und Wolfgang Bankl als Doktor. Der Narr ist mit Heinz Zednik luxuriös besetzt.
Braunschweig stellt all diese Figuren gleichsam konstatierend und ohne karikaturierende Überzeichnung auf die Bühne. Und Daniel Harding beweist einmal mehr, daß er eine gute Hand für die Musik des 20. Jahrhunderts hat und führt das Mahler Chamber Orchestra (und den wie immer ausgezeichneten Arnold Schoenberg Chor) nicht nur sicher, sondern mit großen Gespür fürs Lyrische durch das weite Land von Alban Bergs Parti­tur.

Derek Weber   

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