Alban Bergs "Wozzeck" bei den Wiener Festwochen
(Wien, 15. Mai 2010) Wien hatte in den letzten Jahrzehnten zwei "Wozzeck"-Inszenierungen, beide an der Staatsoper und beide in naturalistischer Manier. Die Wiener Festwochen bescheren der Stadt nun im Theater an der Wien eine neue Produktion, die zwar so ganz neu nicht ist, aber doch hierzulande unbekannt genug, um eine Aufführung zu rechtfertigen. Und es entspricht auch irgendwo der Philosophie der Festwochen, Produktionen von auswärts zu importieren: Stéphane Braunschweig hat vor sieben Jahren in Aix-en-Provence einen "Wozzeck" erarbeitet, der dann kurz vor der Premiere einem Streik zum Opfer fiel. Die Produktion wurde dann bei den damaligen Koproduzenten in Lyon und später Lissabon gezeigt. Nun kehrt sie - in Stéphane Lissners Hände zurückgelegt und neu einstudiert - in Wien ein. (Lissner war 2003 Intendant des Festivals von Aix-en-Provence; seit 2005 zeichnet er für das Musiktheater-Programm der Wiener Festwochen verantwortlich. Und da er auch Leiter der Mailänder Stéphane- Lissner-Dependance ist, folgt im Juni "Lulu" als Koproduktion mit dem Teatro alla Scala und der Opéra de Lyon.
Alban Bergs "Wozzeck" gehört wahrscheinlich zu den wenigen Opern, die von Inszenierungsmoden kaum tangiert werden. Es mag - wie bei Braunschweig - Kostümanspielungen auf den 1. Weltkrieg, die Zeit der Entstehung der Oper, geben, aber entscheidend ist das für den Modus und die Aussagekraft der Umsetzung nicht. Wichtig ist vielmehr, daß die Inszenierung mit einem Minimum an Ausstattung auskommt: Auf der leeren Bühne steht ein Sessel, auf dem, wenn die Musik beginnt, Marie mit dem kleinen Buben Platz nimmt. Wozzeck wendet sich ihr zu, als plötzlich im Hintergrund der Hauptmann sicht- und hörbar wird (der am Ende der Szene ebenso unvermittelt wieder ins Dunkel verschwindet).