"Wozzeck" in einer grandiosen Inszenierung von Andrea Breth bei den Festtagen der Berliner Staatsoper
(Berlin, 17. April 2011) Heftig umkämpft war die Uraufführung von Alban Bergs "Wozzeck" im Dezember 1925 am Berliner Opernhaus "Unter den Linden". Hatte Berg schon jahrelang vergeblich versucht, Verleger und Intendanten für seine erste Oper zu gewinnen, ehe er bei dem Berliner Generalmusikdirektor Erich Kleiber auf offene Ohren stieß, so fuhren im Vorfeld der Premiere Gegner schweres Geschütz auf, um einen Erfolg der verhassten Schönberg-Schule zu verhindern. Man munkelte von den immensen Kosten und einem gigantischen Probenaufwand; es hieß, Kleiber habe mehr als hundert Orchesterproben verlangt - was dieser im Nachhinein widerlegte. Als sich in der Generalprobe ein, wenn auch von Diskussionen begleiteter, Erfolg abzeichnete, schreckte ein Teil der Presse nicht einmal davor zurück, Skandalszenen zu erfinden, um Stimmung gegen die Oper zu machen. Dies ist den Erinnerungen des damaligen Dramaturgen Julius Kapp zu entnehmen, die im hervorragend zusammengestellten Programmbuch abgedruckt sind (Redaktion: Jens Schroth).
Ganz so dramatisch gestaltete sich die Vorbereitung der diesjährigen Premiere nicht, hat sich "Wozzeck" doch längst als eines der Hauptwerke der Operngeschichte etabliert. Aber das Regieteam um Andrea Breth, die damit ihren Einstand an der Berliner Staatsoper gab, hatte doch etliche Skeptiker zu überzeugen, denn es trat das schwere Erbe der legendären Vorgänger-Inszenierung von Patrice Chéreau, mit Franz Grundheber in der Titelrolle, an. Und, um es gleich zu sagen: Die neue Lösung ist eine durchaus überzeugende.
Trübe, Ausweglosigkeit, Verzweiflung. Vom ersten Aufgehen des Vorhangs bis zum ins Nichts führenden Schlusston herrscht eine lähmende Atmosphäre vor, die kaum einen Hoffnungsschimmer zulässt. Dazu trägt das minimalistische Bühnenbild von Martin Zehetgruber bei, das im gesamten ersten Akt aus einer Guckkastenbühne mit einem klaustrophobisch engen Zimmer besteht, sich für die Szenen auf der Straße zu einem sechseckigen Pavillon auf der Drehbühne und für die Wirtshausszenen zu einer verwinkelten Anordnung aus Holzstabwänden wandelt, bevor es im dritten Akt zu einer weiten leeren Fläche wird; dazu trägt auch die trostlos blasse Farbe der Kostüme (Silke Willrett und Marc Weeger) bei. Vor allem aber prägt die psychologisch orientierte Personenregie den Eindruck von Unentrinnbarkeit und Entwicklungslosigkeit. Sie verzichtet auf jedwede Aktualisierung und schafft Raum für ein zeitloses menschliches Drama.
Der Wozzeck des Roman Trekel zeigt sich von Anfang an als gequälte, unterdrückte Kreatur. Wie ein personifiziertes Fragezeichen steht er vor seinem Hauptmann (grandios: Graham Clark, der auch unter Chéreau diese Rolle gesungen hat), mit dessen Rasur er sein karges Einkommen aufbessert und dessen pseudointellektuellem Gequake er ebenso wenig entgegenzusetzen hat wie später den selbstgefälligen Betrachtungen des beleibten Doktors (Pavlo Hunka), dem er für Ernährungsexperimente zur Verfügung steht: wortlos, reglos, von Wahnvorstellungen gepeinigt und von der Verachtung seiner Umwelt zum Mörder an seiner Geliebten gemacht. Dass Trekels warmem, ausdrucksstarkem Bariton an einigen Stellen das Volumen fehlt, um sich gegen das Orchester durchzusetzen, passt direkt ins Bild.
Wozzecks Geliebte, Marie, ist ebenso wie er Opfer der Lebensumstände: Unfähig, mit seinen seltsamen Anwandlungen und seiner ständigen Abwesenheit umzugehen, überfordert mit der Aufgabe, ihr Kind alleine zu erziehen, hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung und der Hoffnung auf ein besseres Leben, gibt sie sich dem männlich-kraftvollen Tambourmajor (John Daszak) hin.
Nadja Michael könnte mit diesem Debüt eine neue Parade-Rolle gefunden haben: Mit nicht unbedingt klangschönem, aber expressivem und über die Lagen hinweg durchschlagkräftigem Sopran und einer geradezu schmerzhaft intensiven Bühnenpräsenz bringt sie die einzige lebensvolle Figur dieser Inszenierung auf die Bühne.
Gut besetzt bis in die kleinen Rollen hinein (etwa Katharina Kammerloher als Margret und der Publikumsliebling Florian Hoffmann als Andres) und vom vollen und zugleich durchsichtigen Klang der Staatskapelle unter Daniel Barenboim getragen, bietet diese Premiere eine hochklassiges Musikerlebnis. Am Ende anhaltender und einhelliger Beifall auch für die Regie.
Eva Blaskewitz
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