Am 30. August wurde der Leiter der Bayreuther Festspiele Wolfgang Wagner 88 Jahre alt. Ans Aufhören denkt er solange nicht, bis sein Wille geschieht.
Seit 1951 ist Wolfgang Wagner Leiter der Bayreuther Festspiele. Das sind 56 Jahre und bedeutet absoluten Rekord. Richard Wagner selbst leitete seine Festspiele nur sechs Jahre, seine Witwe Cosima 23 Jahre, der Wagner-Sohn Siegfried ebenfalls etwas über 20 Jahre, die Hitler-Freundin Winifred 15 Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es die Wagner-Enkel Wolfgang und sein Bruder Wieland, die die Festspiele von ihrer Nazi-Vergangenheit befreiten, sie weltoffen und übernational ausrichteten. Kein Weihetempel für Germanen, sondern eine "Werkstatt" für alle sollte der wichtigste Ort der Wagnerpflege nun sein.
Das gelang vor allem durch die abstrakten, den überzeitlichen Symbolismus in Wagners Werk akzentuierenden Inszenierungen Wieland Wagners. Nach Wielands Tod 1966 trat Wolfgang mit eher bieder realitätsnahen Inszenierungen hervor, sorgte aber durch das Engagement bedeutender Kollegen wie Götz Friedrich, Harry Kupfer und natürlich vor allem Patrice Chéreau dafür, dass die Festspiele nicht zum Museum verkamen, sondern den Anschluss ans zeitgenössische "Regietheater" fanden.
Genau das drohte sich allerdings in den 90er Jahren zu ändern, als sich eine Atmosphäre der Stagnation und Ideenlosigkeit wie Mehltau auf den Grünen Hügel legte. Erstmals wurde offen über die Nachfolge von Wolfgang Wagner diskutiert. Vor allem die philologisch überaus begabte Tochter Wielands Nike trat immer wieder wort- und ideenreich mit Vorschlägen für eine künftige Intendanz an die Öffentlichkeit. Die weniger wortgewaltige, dafür umso erfahrenere Eva Wagner-Pasquier (Tochter Wolfgangs), die in der Leitung des Festivals in Aix-en-Provence arbeitete, wurde ebenfalls als aussichtsreiche Kandidatin gehandelt. Medien und Politik zogen letztlich sogar an einem Strang. Doch am anderen Ende zog Wolfgang Wagner, der mit den Sprößlingen seines Bruders Wieland (erz-)verfeindet ist und auch auf Eva nicht gut zu sprechen ist. Er saß am längeren Hebel, denn sein Vertrag läuft auf Lebenszeit, und freiwillig würde er weder für Eva noch für Nike seinen Platz frei räumen. Er lag und besaß wie der Lindwurm Fafner im "Siegfried" und rührte sich keinen Milimeter. Als einzige Alternative zu sich selbst ließ Wolfgang Wagner allein seine zweite Frau, seine ehemalige Sekretärin Gudrun gelten. Doch die wollte der Stiftungsrat aus gutem Grund nicht als Nachfolgerin.
Und so blieb die im Jahr 2001 mit großer öffentlicher Anteilnahme getroffene Entscheidung des Stiftungsrats für Eva (mit überwältigenden 22 zu 2 Stimmen) als zukünftige Leiterin der Bayreuther Festspiele absolut folgenlos.
1997 bereits war die bitterböse Abrechnung Gottfried Wagners mit seinem Vater Wolfgang Wagner erschienen. In seinem Buch "Wer nicht mit dem Wolf heult" schrieb Gottfried: "Vater duldete in seiner Umgebung nur noch Jasager, und jede Form von Kritik machte ihn aggressiv." Gottfried bezog sich dabei auf die 60er Jahre. Weiter schreibt er: "Mit dem Jahr 1967 begann mein Vater sich bis zur Unkenntlichkeit zu verändern. Waren die Festspiele bisher schon Mittelpunkt des Familienlebens, so wurden sie nun zur Obsession für ihn. Zuerst ging er daran, die Wielandianer auszuschalten, ausgenommen jene, die ihm Gefolgschaft versprachen. Wielands Inszenierungen wurden in der Folgezeit entstellt." Später verwehrte Wolfgang Wagner seinem Sohn sogar den Zutritt zum Festspielhaus. Das gleiche Schicksal ereilte übrigens auch seine Tochter Eva.
Was Außenstehende ahnten, wurde mehr und mehr offenbar: Der Bayreuther Wagner-Clan ist vermintes Terrain und der Hausherr ein verbiesterter alter Mann, der sich von "Feinden" umstellt sieht. Die meisten Nachkommen - auch Gottfried - zogen deshalb die Flucht vor.
Seltsamerweise bekamen die Festspiele nach der Posse um die Nachfolgeentscheidung im Jahr 2001 mit Regisseuren wie Claus Guth, Christoph Marthaler oder Christoph Schlingensief eine unvorhergesehene Frischzellenkur verpaßt. Dass dies Wolfgang Wagners ureigene Ideen waren, darf freilich bezweifelt werden. Vielmehr war es der Einfluss des Netzhäkchens Katharina Wagner, die neben ihrem Theaterwissenschaftsstudium offenbar auch etwas von aktueller Regie mitbekommen hat und ihrem alten Herrn gut zuredete, auf dass die öffentlichen Empörungswogen gegen ihn sich wieder glätten würden.
Doch selbst die fraglos beachtlichen Inszenierungserfolge der Herren Guth, Marthaler und Schlingensief konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Festspielleitung zusehends ungeschickter agierte. Es häuften sich die Ausfälle: Für die Absage von Lars von Trier als Regisseur für den "Ring" 2006 wurde der völlig unerfahrene und ungeeignete Schriftsteller Tankred Dorst verpflichtet, die Regie des "Tannhäuser" von Philippe Arlaud ist völlig belanglos. Dazu kamen prominente Sänger- und Dirigentenabsagen, die mehr oder minder deutlich zum Ausdruck brachten, dass die Art und Weise, wie man auf dem Grünen Hügel mit dem künstlerischen Personal umzugehen pflegt, zumindest fragwürdig ist. Von der gutsherrlichen Art Gudrun Wagners war hinter vorgehaltener Hand häufig die Rede. Dass sie vor allem die Geschäfte in Bayreuth führt, daran kann kein Zweifel bestehen. Die Auswahl an Sängern und Dirigenten auf dem Grünen Hügel ist mittlerweile vielfach nicht mehr erstklassig.
In diesem Sommer nun wurde der gesundheitliche Verfall von Wolfgang Wagner, der kaum noch offizielle Termine wahrnahm, auch nach außen deutlich. Gleichzeitig versuchte die Festspielleitung mit einem wahren Feuerwerk an PR-Massnahmen Stimmung für Katharina Wagner als zukünftige Festspielleiterin zu machen. Die 29 jährige Regisseurin ließ denn auch keine Gelegenheit aus, der (Medien-)Welt mitzuteilen, dass sie sich dazu in der Lage sehe, die Leitung der Festspiele zu übernehmen. Wenn es sein muß gleich morgen. Natürlich gehörte auch ihre Inszenierung der diesjährigen Eröffenungspremiere ("Meistersinger") zum Teil der Strategie. Man versuchte der Öffentlichkeit einzureden, dass sich Katharina mit ihrer Inszenierung bestens für die Festspielleitung qualifiziere. Nur, was eine mehr oder minder gelungene Regieleistung mit der Führung eines der wichtigsten Kulturfestivals der Welt zu tun hat, diese Frage klammerte man geflissentlich aus.
Nun ist es kein Geheimnis, dass die Befürworter von Katharina Wagner als zukünftige Festspielleiterin vor allem aus Bayreuth selbst kommen. Neben ihrer Familie sind es die Vertreter der Stadt Bayreuth, die die Genealogie und die Verbundenheit mit Bayreuth für das wichtigste Qualitätskriterium in der Nachfolgefrage halten. Rein genealogisch würden natürlich auch Nike und Eva in Frage kommen. Diesen wird jedoch weniger Verbundenheit mit ihrer Heimatstadt unterstellt. Für eine Provinzstadt, die Bayreuth an 332 Tagen im Jahr ist, ist das offenbar ein Problem. Und für die Nachfolge-Entscheidung wird das zum ernsthaften Problem, denn die Stadt Bayreuth verfügt über viele Stimmen im entscheidenden Stiftungsrat. So könnte passieren, was nicht passieren darf, dass der Provinzialismus über künstlerische Fragen triumphiert.
Umso wichtiger ist es, dass allen am Entscheidungsprozess Beteiligten klar wird, dass die Bayreuther Festspiele kein Provinztheater sind, und die Festspiele weder der Familie Wagner noch der Stadt Bayreuth oder irgendwelchen Wagner-Verbänden gehören.
Gekauft haben die Festspiele von der Familie Wagner inclusive Grund und Boden zu Beginn der 1970er Jahre die Bundesrepublik Deutschland, das Land Bayern, der Bezirk Oberfranken und die Stadt Bayreuth. Im Stiftungsrat, der über 24 Stimmen verfügt, haben der Bund und das Land Bayern je fünf Stimmen, die Stadt Bayreuth drei, der Bezirk Oberfranken, die Gesellschaft der Freunde und die Bayerische Landesstiftung je zwei und die Oberfrankenstiftung eine Stimme. Die Familie Wagner hat vier Stimmen. Eine komplizierte Konstruktion, die aber funktionieren kann, wie man merkte, als 2001 der Stiftungsrat Eva Wagner-Pasquier als Nachfolgerin für Wolfgang Wagner bestimmt hat.
Diese Entscheidung ist bis jetzt nicht rückgängig gemacht worden, und es ist dies auch nicht nötig, denn die Wahl ist heute nicht weniger sinnvoll als damals. Eva Wagner-Pasquier ist eine erfahrene, kompetente und international vernetzte Festivalmanagerin, die die Bayreuther Festspiele mit sicherem Gespür für Qualität und Innovation lenken kann. Denkbar wäre auch eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit mit ihrer Cousine Nike, so sich die beiden Frauen darauf einigen können.
Eine Übernahme der Festspiele durch Katharina Wagner aber wäre eine künstlerische Bankrotterklärung des Stiftungsrats und ein kulturpolitische Peinlichkeit von internationaler Dimension. Für ein Festival dieses Rangs müssen die besten und fähigsten Köpfe engagiert werden, die sich vielfach erprobt und bewährt haben. Will man der Genealogie ihr Recht einräumen (und das sieht die Satzung nunmal vor) muß die Entscheidung für Eva bzw. Nike fallen.
Einer 29Jährigen, die gerade mal ein paar Opern mit wechselndem Erfolg inszeniert hat, darf man eine solche Aufgabe nicht überantworten - das wäre verantwortungslos - auch Katharina Wagner gegenüber.
Der Altersstarrsinn Wolfgang Wagners mag so lange walten wie er will, er darf kein Maßstab sein! Soll Wolfgang Wagner die Festspiele doch leiten bis er nicht mehr kann. Wenn er sich selbst diese Blöße geben will, ist das seine Sache. Ernst zu nehmen ist er ohnehin schon lange nicht mehr. Spätestens seit dem grotesken Theater von 2001 hat er in der Öffentlichkeit seinen Kredit verspielt. Man kann darüber debattieren, ob man das nun tragisch oder komisch finden soll.
Wenn Wolfgang Wagner weder mit Eva noch mit Nike einverstanden ist, bleibt eben alles wie es ist, und man wird sein Ende abwarten müssen. Offenbar ist es Wolfgang Wagner ohnehin völlig egal, welches Bild die Festspiele und die Festspielleitung in der Öffentlichkeit abgeben. Ein verantwortungsbewußter Umgang mit seinem Amt sähe jedenfalls anders aus!
Man kann nur hoffen, dass in Zukunft in Bayreuth Verträge geschlossen werden, die ein derart würdeloses Szenario unmöglich machen und den Streitereien in der Wagner-Familie ein gütliches Ende bereiten.
Robert Jungwirth
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