Wolfgang Rihm: Dis-Kontur/ Lichtzwang/ Sub-Kontur
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter Sylvain Cambreling und Ernest Bour - SWR Music / Hänssler Classic
"Musik muß voller Emotion sein, die Emotion voller Komplexivität". Das war das Bekenntnis des Wolfgang Rihm 1974, als er seinen ersten großen Auftritt während der Donaueschinger Musiktage hatte. Ein provozierendes Bekenntnis des damals 22-jährigen Stockhausen Schülers und eines, daß für Aufsehen und Aufhorchen sorgte. Was Rihm in seiner Anfangszeit für Orchester komponierte, kann man auf einer neuen CD beim Label Hänssler Classic nachhören.
Im gleichen Jahr, als Rihm sein Donaueschinger Debut gab, - 1974 - legte er viele Zeugnisse ab, in denen er "die Fülle" strömen und im Fliessen neu entspringen ließ. Über seine 22- minütige Komposition Dis-Kontur, ein Werk für großes Orchester sagt Rihm: "Dis-Kontur ist eigentlich aus einem Lebensgefühl heraus komponiert. Während der Arbeit befand ich mich ständig in Grenzsituationen. Solches in eine Komposition einfließen zu lassen, war lange verpönt aus berechtigtem Mißtrauen gegenüber allem Irrationalen."
Und genau in diese explodierenden Rihm?schen Irrationalitäten tauchen Dirigent Sylvain Cambreling und das SWR Sinfonieorchester ein, beschwören musikalische Erschütterungen, die einen unmittelbar gefangen nehmen. Rhythmische Erruptionen und zugleich Lichtungen ermatterter Erinnerung machen hörend stumm.
Auch die beiden anderen großen Orchesterwerke, die ein bis zwei Jahre später entstanden sind, gehören Rihms erster Schaffensphase an, die sich bewußt der Tradition von Beethoven, Bruckner, Mahler und Hartmann öffnet. Plastisch und zum Greifen nahe verläuft die fast programmtische Umsetzung von "Lichtzwang", eine musikalische Totenrede auf den Dichter Paul Celan: höher und höher steigt die Solovioline in gleißende Register, an ihr klebt die bremsende Orchestermasse - Rihm inszeniert die Auseinandersetzung von Masse contra Individuum. Beeindruckend der Geiger Janos Negyesy, er spielte ebenso wie in dieser Einspielung von 1977 bereits die UA mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter Ernest Bour. Hat man die aufschlußreichen Kommentare des Komponisten im Booklet gelesen, bietet es sich an, Rihms kluge Worte beiseite zu lassen und sich diesem sehnsüchtigen Aufwärtsstreben durchaus gedankenlos anzuvertrauen.
Das dritte Rihm'sche Werk auf dieser CD, "Sub-Kontur", uraufgeführt in Donaueschingen 1976, auf der CD wieder vom SWR Sinfonieorchester unter dem energischen Dirigat von Ernest Bour präsentiert, führt in die Gegenrichtung. Es geht nach unten. Rihm beschreibt "Sub-Kontur" als "unreine Musik, die nicht haltmacht vor Schlamm, voller Lust in ihrer Aversion gegen die graue klinische Richtigkeit und zufallslose Normbeliebigkeit, die uns umgibt."
Das sind starke Worte für ebenso starke 26 Minuten, in denen uns das SWR Sinfonieorchester präzise und schonunglos dorthin führt, wo man erst mal gar nicht so gerne hin möchte: ins Dunkle, Amorphe, Zersplitterte. Die komplexe Emotionalität des jungen Wolfgang Rihm in den drei Werken dieser CD, liefert eindrückliche Beispiele von gesellschaftlich ausgerichtetem Komponieren in der jüngsten musikalischen Vergangenheit.
Julia Schölzel