Schizophrene Musik

Foto: Beat Glur / Theater Bern

Per Nörgards zweiaktige Wölfli-Oper "Der göttliche Tivoli" am Stadttheater Bern

(Bern, 19. September) Der Maler Adolf Wölfli (1864 - 1930) wurde 1895 mit der Diagnose Schizophrenie in die Berner Irrenanstalt Waldau interniert und blieb dort bis zu seinem Lebensende. Die tragisch geniale Figur ist einer der bekanntesten Schweizer Künstler. Und eine, deren Werk und Leben immer wieder Komponisten zur Beschäftigung angeregt hat. Wolfgang Rihm, Georg Friedrich Haas, Gösta Neuwirth haben mit (Kammer)-opern das zeichnerisch-textlich-grafische und auch musikalische Werk und Leben Wölflis verarbeitet.

Das Berner Stadttheater und die Biennale Bern brachten nun die zweiaktige, 1984 uraufgeführte Wölfli-Oper "Der göttliche Tivoli" des dänischen Komponisten Per Nörgard zur Aufführung. Eine Produktion des koproduzierenden Theaters Lübeck.

Dass hier etwas nicht ganz "normal" ist, lässt sich vom ersten Ton an bemerken. Der Soloschlagzeuger Hans-Kristian Kjos Sörensen hämmert, was seine Felle halten, verstört das (nicht allzu zahlreich erschienene) Publikum noch bei Saallicht. Heftig, attackenartig, schmerzhaft. Willkommen in der Welt der Psychiatrie. Das Ensemble, das Nörgard für seine Oper ausgesucht hat, besteht aus sechs Schlagzeugern, einem Violoncello und einem Synthesizer-Spieler. Die Leitung in Bern hatte Dorian Keilhack. Mit dieser speziellen Kombination lassen sich Klänge, wie sie die "Ouvertüre" zeigte, aber auch "verstimmte" Perspektiven bestens erzeugen. Wenn etwa gamelan-artiges Glockengeläute auf choralartige Synthesizermelodien trifft. Dann ist Zwiespalt angedeutet, Schizophrenie. Und der Text dazu lautet, "Gott ist schrecklich weit weg". Berührend.

Auf der Bühne agieren gleich acht Wölfli-Figuren, wovon vier Kinder sind, die nicht singen. Der erste Akt zeigt ein beengendes, braun getäfeltes Wirtsstübli aus der Zeit von Wölflis Jugend (Ausstattung Barbara Rückert). "Notzucht" war der Grund seiner Inhaftierung. Heute würde man Pädophilie sagen. Wölfli vergriff sich an jungen Mädchen, eines davon noch im Kinderwagen. Regisseurin Sandra Leupold zeigt das und verspielt damit - seltsamerweise - nicht den ganzen Sympathiebonus der Hauptfigur. Wundersame Welt der Oper. Bald tauchen neben dem eigentlichen Wölfli (Hubert Wild: stimmlich souverän) Gestalten aus dessen teilbewusster Fantasie auf. Sankt Adolf als Kaiser (Bernd Gebhard) und Sankt Adolf II. als Papst (Steffen Kubach) brechen durch die papierdünnen Wände dieser schein-heilen Welt. Als Objekt massloser Verehrung und sexuellen Begehrens tritt, als reale Person und irreale "Santa Maria", Andrea Stadel auf. Die strenge mütterliche Figur, sowie die Heilige Mutter werden von Fabienne Jost dargestellt. Die Sänger agieren überzeugend, bewähren sich stimmlich in der nicht einfachen Partitur und gegen den teils massiven Schalldruck aus dem Graben.

Im zweiten Akt befinden wir uns in der Irrenanstalt. Wölflis Zelle ist ein enger Würfel, der gegen die beängstigenden Figuren nicht schützt. Deutlich zeigt Leupold nun, wie erst die künstlerische Produktion den verrückten Wölfli vor seiner imaginierten Umwelt schützt. Deutlich, aber inszenatorisch nicht besonders fantasievoll: Wölfli "malt" an die Wände, Papst und Kaiser und die "Santa Maria" erstarren, die Zelle bricht auf. Nun ja.

Kunst jedenfalls ist der Weg, mit dem Wölfli auf seine Weise der Welt entfliehen konnte. 25.000 Blätter bemalte, bekritzelte er in der Waldau, versah sie mit einer eigenartigen Notenschrift. Dieser Schaffenswahn spiegelt sich in einer bisweilen nervösen, fast raschelnden Musik. Schliesslich entschwebt Wölfli in seiner Zelle nach oben, ins Paradies, in die gewaltige Kunstwelt der "Skt.-Adolf-Riesen-Schöpfung". Wir mögen ihm den Aufenthalt in seiner genial-spinnerten Riesenwelt gönnen, wären aber gerne selbst etwas überwältigt worden von der künstlerischen Fortschreibung seines beeindruckenden Werks. Stattdessen sehen wir - eine billige Lösung - bunte Wölfli-Skizzen per Videobeamer auf uns zufliegen. Und auch Nörgard zieht sich in der finalen Szene gewissermassen zurück. Wir hören ein volksliedartiges Thema, das Wölfli selbst geschrieben hat. Harmlos, simpel. Täuschende Einfachheit, unheile "heile Welt".

Benjamin Herzog

Bis 15. November 2008. www.stadttheaterbern.ch