Christine Schäfer singt Schuberts Winterreise in Köln
(Köln, 26. September 2012) Es ist natürlich nicht das erste Mal, dass eine Frau Schuberts "Winterreise" interpretiert. Weil dieser Liederzyklus aber so trostlos von Schmerz, Verzweiflung und Todessehnsucht kündet, hat man vor allem Darstellungen von Sängerinnen mit dunkler Mezzofarbe in Erinnerung: Christa Ludwig, Brigitte Fassbaender, Nathalie Stutzmann. Doch es gibt auch Aufnahmen etwa mit Margaret Price und sogar eine definitiv historische mit Lotte Lehmann (1940/41). Ergänzend könnte man auch noch den Versuch des Countertenors Jochen Kowalski erwähnen. Jetzt also kommt Christine Schäfer mit ihrem hellen, fragilen Organ. Das "jetzt" ist freilich zu modifizieren, denn die Künstlerin hatte ihre "Winterreise"-Premiere zusammen mit Begleiter Eric Schneider bereits vor 10 Jahren bei der Ruhr-Triennale; 2005 erfolgte eine CD-Aufnahme. Das große Interesse für Christine Schäfers Auftritt in der Kölner Philharmonie zeigte, wie man die Besonderheit dieser Interpretation von vorneherein einschätzte, überhaupt welchen Rang man dieser interessanten Künstlerin zusprach.
Sicher ist es nicht so, dass der "Reif... einen weißen Schein" ("Der greise Kopf") über Christine Schäfers Gesang legen würde, aber ihrer Stimme eignet nun mal eine gewisse Kühle, welche als Gefühlsdefizit freilich völlig falsch klassifiziert wäre. Vielleicht mag bezüglich der geschlechtspezifischen Angleichung von Erzähler und Objekt der Liebe für eine gewisse Zeit leichte Irritation gewirkt haben, man hat aber doch inzwischen gelernt, "abstrakt" zu hören und sich einzig darauf zu konzentrieren, was eine Stimme an vokaler Differenzierung und emotionaler Durchdringung zu leisten imstande ist.
Christine Schäfer wehrt von vorneherein einem "zu viel". So nimmt man sehr bald das rasche Tempo des Eingangsliedes "Gute Nacht" als sinnfällig an, wo dann logischerweise auch der Moll-Dur-Wechsel nicht über Gebühr ritardiert wird. Und um gleich auf das Schlusslied "Der Leiermann" überzuspringen ... Viele Sänger gestalten die beiden finalen Zeilen ("Willst zu meinen Liedern deine Leier drehn?") als großes Crescendo. Christine Schäfer beschränkt sich auf ein messa di voce bei "drehn".
Die besondere Qualität von Christine Schäfers Singen beruht auf einer ungemein subtilen Dynamisierung. Wo hört man außer bei ihr solche Pianissimi und verwehende Zeilenenden? Hinzu kommt ein bestechender Aufbau der Phrasen, innerhalb derer die Sinnbedeutung einzelner Satzteile bzw. -worte auch ohne dramatischen Aufwand intensiv und bohrend herausgearbeitet wird. Zudem versteht die Sängerin ihrem Sopran enorme farbliche Nuancen abzugewinnen, licht oder fahl, je nachdem. Die Strophe "Ich musst´ auch heute wandern" im "Lindenbaum" lässt fast eine andere Stimme hören als zuvor und danach.
Mit ihrer Zurückgenommenheit gibt Christine Schäfern den Schubert-Liedern ein ganz individuelles Profil. Das Ergebnis wäre aber wohl nicht ganz so bezwingend, wenn ein anderer Partner als Eric Schneider am Klavier säße. Sein Spiel wirkt sublim, es bietet interessante Ausdrucksakzente (besonders in "Rückblick"), wirkt gänzlich unverwischt (zwei Tage zuvor verstörte bei einem Recital von Elisabeth Leonskaja überstarker Pedalgebracht) und erreicht einen erstaunlichen Verschmelzungsgrad mit der Stimme Christine Schäfers.
Um der Wahrheit willen kann nicht unerwähnt bleiben, dass die Intonation der Sängerin nicht immer optimal geriet. Der Faszination beim Hören tat das aber kaum Abbruch. Christine Schäfers und Eric Schneiders "Winterreise" erschließt eine aufregend neue Schubert-Welt.
Christoph Zimmermann