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Der Chorleiter Karl-Friedrich Beringer probt mit seinem Windsbacher Knabenchor und dem Münchener Kammerorchester Bachs Johannespassion
(Windsbach, 2./3. April 2009) Auch wenn es frühlingshaft warm ist, Volleyball mit freiem Oberkörper gespielt werden kann und die Sonne aus dem Chorprobengebäude ausgesperrt werden muss, kann es sich der Leiter des Windsbacher Knabenchors nicht verkneifen: "Jetzt kommt die Hochzeitsnacht für Euch", ruft er den umstehenden Jungs vor der ersten Probe mit Orchester gut gelaunt zu. Denn bislang haben die 74 Knaben und jungen Männer im Alter von 10 bis 22 Jahren all die Choräle und dramatischen Turba-Chöre in Johann Sebatian Bachs Johannespassion a cappella geprobt und an jeder Vokalformung, an der richtigen Phrasierung und Akzentuierung, an Intonation, Tempo und an der Plastizität des Klangs gefeilt. Und jetzt also erstmals mit Orchester.
Für alle war es das erste Mal, denn zuletzt sangen die Windsbacher die Johannespassion 1997. Von damals ist natürlich heute keiner mehr im Chor. Auch die Besetzung des begleitenden Münchener Kammerorchesters ist bis auf ein, zwei Spieler verjüngt. Entsprechend vorsichtig und diplomatisch formuliert Beringer seine Forderungen an die Musiker, etwa wenn es um die Sechzehntelbewegung der Streicher in der Einleitung zum Eingangschor "Herr, unser Herrscher" geht: "Ich hab dem Chor immer gesagt, das soll klingen wie ein Herrscher, der mit wallendem Gewand einherschreitet" und beharrt darauf, dass sich eine Spannung aufbaut, die ihre Entladung im ersten Einsatz des Chores erfährt.
"Ich kann?s mit meinen Sinnen nicht erreichen, womit doch dein Erbarmen zu vergleichen" lässt er dem Orchester vorsingen und sagt darauf ganz leise: "Diese Farben müssen auch Sie haben, dann berührt es die Leute und das MUSS es!" Schon in der Probe treibt es einem bei den Chorälen, die zugleich schlicht und ausdrucksvoll, wunderbar geschmeidig homogen und durchsichtig im vierstimmigen Satz gesungen sind, die Tränen in die Augen, etwa wenn auf das pralle "Ich lebte in der Welt in Lust und Freuden" mit einem Oktavsprung im Pianissimo, viel langsamer und ganz leicht vor dem Schlag "Und du musst leiden!" einsetzt.
Karl-Friedrich Beringer ist nie um einen plastischen Vergleich verlegen, wenn er das Höchstmaß an Präzision, Deutlichkeit und klanglicher Ausformung erreichen will, etwa wenn es um den Unterschied von i, ä und ü in einer Phrase geht. Dann kann er schon mal ungeduldig werden und lässt nicht locker bis Stimmsitz und Vokalfärbung exakt passen. Oder wenn er auf den richtigen Betonungen der ersten und dritten Silbe von "Wehr und steu?r allem Fleisch und Blut" beharrt: "Das muss scharf und klar akzentuiert sein, mit Kern - aber Fruchtfleisch drumrum, sonst klingt?s hart." Der Vergleich greift und der Chorleiter ist?s zufrieden.
Vorläufig. Denn tags darauf kann es sein, dass gerade diese Stelle wieder nicht ganz 100%ig gelingt. Dann raunzt der 61-Jährige, der die Impulsivität und das Aussehen eines Endvierzigers besitzt: "Ihr habt wohl die zweite Festplatte abgehängt oder es gestern gar nicht erst abgespeichert!"
Auch dieser Vergleich trifft ins Schwarze, denn Arbeit am PC und mit dem Internet ist seit einiger Zeit für alle Windsbacher selbstverständlich, für die Kleinen stundenweise und unter Aufsicht in speziell eingerichteten Räumen, für die Großen selbstverantwortlich mit einem Anschluss auf jedem (Einzel-)Zimmer.
Für Internatszöglinge genießen die Windsbacher Knaben überhaupt viele Möglichkeiten: Fernsehen, DVD, sogar Fußball über Premiere per Beamer auf der Leinwand gehört dazu. Und der Chorleiter hat es sich nicht nehmen lassen, seine große CD-Sammlung eigenhändig auf den Rechner des Medien-Centers zu spielen, auf dass die Jungs, sonst in der Freizeit eher an Hiphop, Heavy Metal oder Ähnliches interessiert, auch mal eine Bruckner-Symphonie kennenlernen können und das auch noch in verschiedenen Interpretationen. Was selbst die soeben erst erneuerte Mediathek von Europas größter Musikbibliothek im Münchner Gasteig nicht besitzt, die Windsbacher haben es: Eine prächtige 5.1.-Anlage mit allem was dazu gehört wie SACD-Spieler und fünf teuren Spezialboxen. Und so kann es schon mal passierem, dass in einer Chorpause das Dies Irae aus Verdis Requiem den Gang entlang schallt.
Fragt man die Jungs, ob die minutiöse Probenarbeit ihres "Chefs", wie sie Beringer mit unbegrenzter Hochachtung nennen, denn nicht anstrengend sei und auch schon mal auf die Nerven gehe, dann wird erstaunlich reflektiert, selbstbewußt und fast empört von der Notwendigkeit disziplinierter Arbeit gesprochen und wie wichtig ihnen das Chorsingen überhaupt sei. Hört man einen Sechzehnjährigen so reden, denkt man, dass das sicher auch auf den regulären Schulbetrieb abfärben muss. Aber obwohl das Gymnasium, auf dem die Windsbacher meist in "Chorgruppen", in der Kollegstufe dann auch gemischt und erstmals zusammen mit Mädchen unterrichtet werden, nur 200 Meter vom Internatsgelände entfernt liegt, sind die Barrieren groß. Die Windsbacher wissen dank ihres "Chefs", wie ein idealer Lehrer aussieht, der mit Strenge, aber auch verständnisvoll und immer hoch konzentriert Leistung fordert.
Mit einem solchen Bild täglich vor Augen, hat ein Sechzehnjähriger natürlich keinen Bock auf einen Lehrer, der sich beim Unterricht in ein Buch vergräbt und dem die Schüler egal zu sein scheinen, einem, "der es eben nicht bringt". So mancher Lehrer vermittelt den Schülern, dass "die Singerei" Freizeitvergnügen sei und nicht auch harte Arbeit. Wer einem Windsbacher so kommt und gar noch will, dass in einer einstündigen Probenpause Unterricht stattfindet, der hat schnell seine Autorität verspielt.
Anders als so mancher Pauker weiß Beringer, wann eine Probe auch mal 15 Minuten vor der veranschlagten Zeit zu Ende sein darf. Wenn vor dem Mittagessen der peinigende "Kreuzige!"-Chor im rasanten Originaltempo so perfekt gelang, dass ein Tontechniker begeistert sagen würde, "DEN Take nehmen wir!", dann entlässt der Chorleiter "seine" Jungs schon mal vorzeitig zum Mittagessen, bevor anderthalb Stunden später die harte, für Zuhörer wie Sänger begeisternde Arbeit wieder beginnt und jeder Einzelne sich den Satz zu Herzen genommen hat: "Wollt ihr klingen, wie man das von Knabenchören kennt, oder wie Profis?" Das lässt sich auch ein Junge vor der Pubertät nicht zweimal fragen.
Klaus Kalchschmid
Bach Johannespassion am Sonntag, 5. April in Münsterschwarzach (Klosterkirche, 15 Uhr), 6. in München (Herkulessaal, 19.30 Uhr), 8. Berlin (Philharmonie, 20 Uhr) und 10. April 2009 (Baden Baden, 17 Uhr)