Alles fließt

Kempff-Trouvaillen: Brahms 2. Klavierkonzert und ein Potsdam-Recital beim Label classical excellence

An zwei Sehnsuchtsorten Wilhelm Kempffs sind die beiden Konzertmitschnitte entstanden, die das Label classical excellence jetzt herausgebracht hat: 1955 spielte der damals 59-jährige Kempff in Neapel, nahe seiner Wahlheimat Positano, Brahms 2. Klavierkonzert. 1963 gab er in Potsdam, unweit seines Geburtsortes Jüterborg, einen Soloabend mit Bach, Schubert und Brahms. Der Kempff-Diskographie wurden damit posthum zwei weitere Höhepunkte hinzugefügt, die den 1991 verstorbenen Pianisten unmittelbarer erleben lassen als die für die Deutsche Grammophon entstandenen Studioaufnahmen.

Kempffs große musikalische Erzählkunst brauchte keine Sensationen um zu bezwingen. Während David Fray in seiner kürzlich bei Virgin erschienen Schubertplatte die vier Impromptus D 899 in impressionistische Klanginseln zergliedert, lässt Kempff den Stücken ihren stetigen Fluss und ihre klare Kontur. Den eröffnenden Akkord des c-Moll-Impromtpus stellt er prägnant in den Raum, die Melodie hat einen unprätentiös gleichmäßigen Puls, der sie mit den sich anschließenden Abwandlungen eng verknüpft. Hier - ebenso wie bei den beiden zugegebenen Stücken von Brahms - wirkt alles natürlich, organisch. Selbst wenn Kempff die einzelnen Sätze von Bachs 5. Französischer Suite ohne Pause ineinanderfließen lässt, schmeckt das nicht nach selbstverliebter Exzentrik, sondern entspringt einem Erzählfluss, der eine Pause nicht zuzulassen scheint.  

Brahms B-Dur-Konzert hat Kempff nie für die Platte eingespielt, nur für das 1. Klavierkonzert begab er sich Mitte der 1950er Jahre gemeinsam mit Franz Konwitschny und der Staatskapelle Dresden ins Studio. Der vorliegende Mitschnitt ist somit das einzige überlieferte Dokument von Kempffs Auseinandersetzung mit diesem Werk - und er verblüfft: So licht, so leicht meint man dieses Konzert noch nie gehört zu haben. Die Tempi sind flott: Für den langsamen Satz braucht Kempff eine runde Minute weniger als Richter und gar zwei weniger als Gilels und doch entspinnt sich ein ungemein feinsinniger und nie gehetzter Dialog mit dem Solo-Cello. Was gerade in den Ecksätzen freilich auch hörbar wird, ist Kempffs fast schon sprichwörtliche spieltechnische Nonchalance. In den vollgriffigen Akkordkaskaden der Klavierexposition des Kopfsatzes haut er so sehr daneben, dass das wackere, von Pietro Argento dirigierte RAI-Orchester "Alessandro Scarlatti"  nach kurzer Schrecksekunde mit umso größerer Verve das Geschehen vorantreibt - als wolle es dem bangen Publikum signalisieren: Keine Angst, es geht weiter.

Manuelle Fertigkeit stand für Kempff nie im Mittelpunkt seines pianistischen Selbstverständnisses. Dass für den Geist der Musik nichts tödlicher ist als acht Stunden am Tag verbissen zu üben, gab er seinen Schülern als Ratschlag mit. Es ist wohl eine Laune der Interpretationsgeschichte, dass gerade die Deutschen, denen man handwerkliche Akribie, ja Penibilität so gerne nachsagt, als einen der größten Pianisten des 20. Jahrhunderts Wilhelm Kempff hervorgebracht haben, dem alles technokratisch Akkurate widerstrebte, der die Musik eine menschliche, allzumenschliche Kunst sein ließ - nachzuhören auf diesen beiden grandiosen Archiv-Ausgrabungen.

Markus Schäfert

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